Picknick in Groß Rosen

 

Erzählung

 

 

 

Von Lydia Sanojar

(Grazyna Gintner)

 

  

  

 

An der Grenze kletterte in unseren Bus ein junger polnischer Grenzschützer mit dieser Frische, die mich immer an kleine Kücken zu denken zwingt, und ich begrüßte ihn auf Polnisch. Ich preschte nur mit meiner Stimme vor; von meinem Platz hob ich mich zwar hoch, ich kam aber nicht raus. Franz bewegte sich nicht auf seinem Sitz, obwohl ich aufgestanden war. Er versperrte mir den Weg und wollte nicht verstehen, worum es mir ging. Ich blieb dort stecken, quetschte seine Knie und schaute ihn nur auffordernd von oben herab an, ohne ihn jedoch anzureden. Deutsche Vokabeln waren mir plötzlich abhanden gekommen. So fest eingeklemmt richtete ich mich dem Jungen zu; meinen Frohsinn konnte kein Umstand trüben. 

 

Das Gefühl der ungeduldigen Freude, das jedes Kind kennt, wenn es auf ein Geschenk blickt, als ob die Verpackung ganze Welten verbarg, die dann nur ihm gehören würden, dieses irrationale Gefühl stieg in mir hier an der Grenze hoch, deswegen rief ich laut und freundlich dem Polen zu. 

 

Der Pole schaute unbeeindruckt an mir vorbei und verlangte unsere Pässe und Fahrzeugpapiere. Das eben wollte ich vermeiden. Wenn ich ihn herzlich begrüße, dachte ich, lässt er uns ohne diese lästigen Kontrollen weiterfahren. Er sollte doch bitte schön zeigen, dass die Polen gastfreundlich sind. Er sollte auch den Deutschen zeigen, dass er sich über eine Landsfrau wie mich freut. Diese Erwartungen sollte er erfüllen; ich zweifelte keine Sekunde daran, dass es nach diesem Szenario ablaufen würde. Weil er sich genauso freuen müsste wie ich. Weswegen aber sollte er das tun? Hatte er einen Grund dafür? Dass eine, die weggelaufen war, jetzt zu Besuch kommt, während er hier bleiben musste? Darüber dachte ich keine Sekunde nach. Ich vereinnahm alle um mich herum in meinem augenblicklichen Glück.

 

Wir sammelten die Pässe ein; Michail, unser Fahrer rückte seine Papiere raus. Der Grenzschützer nahm sie mit gesenktem Kopf entgegen und raschelte mit den Seiten.

 

-       „Wo ist das Original?“, er wandte sich an Michail und zeigte mit dem Finger auf die Kopie des Fahrzeugscheines.

 

Der begann sofort hastig in seiner Tasche und im Handschuhfach zu kramen. Er suchte gründlich, aber ohne Überzeugung. Könnte man etwas finden, was nicht mal vorhanden war?

 

Ohne Original kommen wir nicht weiter, lautete das Urteil, das der Grenzschützer emotionslos verkündete. Ich habe nicht sofort begriffen, was das bedeutete. Als ob es nur um ein Verständigungsproblem ginge, erzählte ich ihm, was für eine Gruppe dies sei und was die alles vorhätten und dass sie zum ersten Mal nach Polen fahren würden. Während ich sprach, glaubte ich, er würde unser Anliegen verstehen. Eine Weile schwieg er und ich dachte, er sagt jetzt: „Ach, wenn das so aussieht, dann bitte schön, der Weg ist frei, alles Gute“. Stattdessen aber wiederholte er nur mechanisch:

 

-       „Ohne Original dürfen Sie nicht weiter“.

-       „Wir möchten mit dem Chef sprechen“, ich übernahm die Initiative. Ich fühlte mich für diese Situation verantwortlich. Hätte ich meinen Mund gehalten, würde er uns vielleicht anders behandelt haben.

 

Er nickte: ja, kein Problem. Also, wir ließen uns den Weg erklären und gingen zum Chef: ich, Frau Raissa, Michail und Heinrich, der die Reise organisiert hatte. Franz folgte uns und schaute mich grimmig an. Ich lehnte mich viel zu weit raus: Das mochte er nicht.

 

Es war nicht einfach, den Chef zu finden, in einer von außen sehr klein wirkenden Baracke mit erstaunlich vielen Korridoren, die in den ersten Stock und nach draußen führten. Ich fragte einen Zollbeamten mit hellblauen Augen. Er wies uns den Weg zu seinem Leiter, raus aus dieser Baracke zu einer anderen. Die Tür im ersten Stock stand offen, drinnen saßen zwei ältere Zöllner und der stark nach Alkohol riechende Chef, mit ins Gesicht eingeritzter Müdigkeit. Er hörte sich meine Geschichte an, und telefonierte dann:

 

-       „Was willst du von dem Bus?“, warf er in den Hörer und beobachtete uns dabei.

 

Nach dem Telefonat, sichtbar erleichtert, brummte er:

 

-       „Wir haben nichts gegen euch. Das ist überhaupt nicht unsere Zuständigkeit. Ihr müsst zum Chef des Dienstes vom Grenzschutz“.

 

Das bedeutete – zurück in die erste Baracke. Unsere Gruppe betrat wieder das gleiche Gebäude. Als ob er auf uns gewartet hätte, stand dort „unser“ Junge. Meine Frage nach dem Chef winkte er diesmal ab. Er würde es schon selbst richten. Dann verlangte er von dem Fahrer die unselige Kopie und seinen Pass und schickte uns in den Bus zurück.

 

-       „Er will Geld“, zischte ich zu Heinrich.

-       „Ja?“, er schaute mich ungläubig an.

-       „Ja, ich denke schon“.

 

Ich wiederholte meine Vermutung vor den anderen im Bus, verschämt, als ob ich es für mich selbst verlangt hätte. Noch nie hatte ich solche Situationen gemeistert, obwohl es üblich bei uns in Polen war, überall zu schmieren. „Wer nicht schmiert, fährt nicht weiter“: mit dieser Volksweisheit wuchsen wir auf.  Ich habe es trotzdem nie gelernt. In eigenem Lande lebte ich wie eine Fremde, die die Bräuche nicht begriffen und, was viel wichtiger, nicht angewendet hatte.

 

Es handelte sich dabei nicht um den Mut, aus dem heraus die Avantgardisten jeder Sorte ihrer Umgebung oder der Welt – je nach dem - ins Gesicht spucken und neue Wege aufschlagen oder gegen den Strom schwimmen. Ich stieß lediglich an meine eigenen Grenzen, die ich aufzureißen nicht in der Lage war; geboren mit solch einer lästigen Hemmung. Meine Rechtfertigungen für diese Unfähigkeit konnte ich wie eine zweiseitige Jacke mal so, mal anders rumdrehen. Also zum einen stand es nie zur Erwägung das, was ich selbst nicht besaß, jemandem geben zu müssen. Zum anderen wünschte ich mir klare Regeln herbei, die ich auch selbst einhalten wollte.     

 

Niemand nahm das Thema „Geld“ auf. Gott sei Dank, dachte ich. Franz und ich hätten sowieso nicht mithalten können. Ganz knapp bei Kasse wurden wir gezwungen, jede Münze mehrmals umzudrehen. Obgleich sich unser Einkommen grundsätzlich gar nicht schlecht präsentierte. Auf dem Papier, wohlgemerkt. Franzens Geld zusammen mit meinem kleinen Zubrotgroschen hätte theoretisch mit Abstand für ein besseres Leben, als wir es führten, reichen können. In Franz’ Händen brannte das Geld jedoch und verbrannte, dass nichts übrig blieb. Schlimmer war es, dass er außerdem noch Schulden machte. Wir zankten uns deswegen häufig ungestüm. Laut schreiend forderte ich eine Aufklärung, wofür er es so eifrig ausgab. Er beharrte darauf, dass wir beide es verwirtschafteten. Dass das nicht stimmte, bewies ich jedes Mal mit einer einfachen Rechnung. Er schaute sich die Zahlen an und schüttelte den Kopf. „Zwei plus zwei ist im Osten wie im Westen immer noch vier!“, grölte ich entnervt, mithilfe des allerletzten Arguments. Das Addieren wie das Subtrahieren reichte um ihn leicht zu überführen. Er erschrak keineswegs; etwas rot angelaufen von meiner Attacke, sah er mir tief in die Augen, stritt alles ab und schwor inständig, die Wahrheit gesagt zu haben. Er log ohne mit der Wimper zu zucken. Er log; dessen war ich mir doch sicher wie der Gleichung zwei plus zwei ist vier. Dennoch lief ich nicht weg. Meine Existenz bestand lange genug aus dem zähen hoffnungslosen Durchhalten, dass ich nicht so schnell aufgab.

 

Zu einer Lüge gehören mindestens zwei. Ohne einen, der sich anlügen lässt, gäbe es keinen Lügner. Trug ich demzufolge eine Mitschuld an dieser Rollenverteilung: er - der Lügner und ich - die Angelogene? So waren die Rollen für mich jedoch nicht zum ersten Mal verteilt. Die Realität, in die ich hineingeboren wurde, lehrte mich die Wirklichkeit von der Wahrheit streng zu unterscheiden. Lügen verordnete mir also schon meine Heimat per Gesetz und verbot eigene Geschichte zu lernen, wie sie war. Dafür wurde uns ein Ersatz angeboten: die Historie eigenen Landes, wie sie sein sollte. Die Literatur passten die Machthaber sogleich an und ließen nur die Ideologie-Treuen drucken. Die Medien degradierten sie zudem zu ihrem propagandistischen Sprachrohr. Aber hin und da scheiterten sie an ihrem großwahnsinnigen Anspruch, alles und alle kontrollieren zu wollen. So ließ es sich mit dem Leben irgendwie arrangieren. Notdürftig schufen wir uns unsere Zuflüchte in Form von Denk-Konstruktionen, die Wasser mit Feuer vereinten, die die Gegensätze unter ein Dach zwangen.  

 

In dieser Welt übte ich den zerreißenden Spagat zwischen der ungestillten Sehnsucht nach der absoluten unerschütterlichen Wahrheit einerseits und dem anspruchslosen Alltag anderseits. Franz passte nun in diese befahrene Spur hinein. Mehr empörte ich mich darüber, dass er nichts von meinem Verstand hielt, als über seine Lügen.

 

Ich schrie, er schwor und versprach, dass sich unsere Situation ändern und bessern wird. Das gleiche wollte ich doch eben. Damit gelang es ihm nach einer geraumen Zeit, mich zu durchweichen. Ich sehnte mich nach einem Ausweg. Nicht ohne, sondern mit ihm. Er spürte es und war meiner sicher. 

 

Wir fingen von vorne an und das Leben kehrte in die alten Fährten zurück. Eine Weile herrschte Ruhe. Ich kontrollierte engagiert alle Ausgaben. Bis mein Eifer nachließ. Er eroberte das nur vorübergehend aufgegebene Terrain in kleinen Schritten zurück. Mal „vergaß“ er nur die Rechnung, mal passte der Zeitpunkt lediglich nicht, um sie mir zu zeigen, weil er eben sosehr beschäftig gewesen wäre, aber sofort danach, wenn er schon damit fertig würde… Inzwischen prallten Tausend andere Sachen auf meinen Kopf und ich dachte nicht mehr an die eine oder andere Rechnung, an die eine oder andere Ausgabe und ich hakte nicht mehr nach, ich zählte nicht mehr zusammen, ich wurde nachlässig; darauf zielte er doch ab. Als ich dann wieder aufwachte, war es geschehen. Das Geld war weg und das Theater ging von vorne los. Ich tobte, er schwor, ich ließ mich um den Finger wickeln und wollte nicht einsehen, dass ich mich im Kreise drehte. Zwischen den Krisen schöpfte ich stets eine neue Hoffnung. Ich ließ mich von dem Gefühl treiben, dass zum Schluss alles gut enden muss. Einmal hatte ich doch ein Wunder miterlebt: Das kommunistische System brach zusammen, woraufhin sich uns die Welt öffnete. Warum sollte mein kleiner persönlicher Traum nicht auch in Erfüllung gehen? Auf irgendeinem Wege, der mit Mathematik und Logik wenig oder gar nichts zu tun hat?

 

Also das Abwarten war vielleicht keine schlechte Strategie. Das Abwarten bedeutete auch, nicht sofort entscheiden zu müssen. Für Franz oder gegen ihn. Ich schreckte vor genauem Hinschauen. Stattdessen erkannte ich mit dem Blick einer Hoffenden jedes Mal eine Festung, wo lediglich eine Fatahmorgana schwach schimmerte.

 

Keiner rührte sich vom Platz; leise Gespräche schwollen zügig an, bis hin zur lauten Heiterkeit. Wir saßen an der Grenze fest und kein Mensch regte sich darüber auf! Die verlorene Zeit ließ sich sowieso nicht nachholen. Es gab also keinen Grund, sich von der guten Laune zu verabschieden. Als ob alle eine nicht ausgesprochene Vereinbarung getroffen hätten, dass sie nichts aus der Ruhe bringen würde. Ich war’s, die zum Handeln zwang. Nochmals wollte ich versuchen, den unauffindbaren Chef zu treffen. Die gleiche Gruppe formierte sich hinter mir. Wieder traten wir in die Baracke. Diesmal bekamen wir den richtigen Chef zu Gesicht. Er stand am Schalter, kam nicht zu uns raus und wir unterhielten uns durch die Scheibe. Der kleine Mann mit bohrenden Augen sprach leise wie ein Priester im Beichtstuhl: Er kann für uns nichts machen. Vor Aller Heiligen kontrolliert man nämlich viel auf den polnischen Straßen. Das hätte uns sehr viel gekostet, ohne gültige Papiere erwischt zu werden. Aus dem Zimmer hinter ihm rief plötzlich ein junger Mitarbeiter:

 

-       „Wenn so etwas einem Polen auf der deutschen Seite passieren würde, hätte man ihn auch nicht weiterfahren lassen“. 

 

Der Chef drehte sich rasch um, und warf kurz und undeutlich etwas wie „Sei still“ oder „Beruhige dich“, dann wandte er das Gesicht zu uns und die Priester-Stimme kehrte wieder zurück: Also wirklich, man kann nichts machen.

 

-       „Was? Es geht nicht?“, Michail lächelte; er wollte es nicht wahr haben. Fragend guckte er uns an, dann zog er phlegmatisch sein Handy aus der Hosentasche.

-       „Du musst Richard anrufen, er muss das Original beibringen“, drang Heinrich. Er meinte den Besitzer des Busses und seinen Freund.

-       „Ja, ja, ich mach das schon“, und wieder das Lächeln. Michail zog die Wörter in die Länge mit dem russischen melodischen Klang. Er kam aus Russland mit einem Ingenieur-Diplom und arbeitete jetzt als einfacher Fahrer. 

 

Das Telefonat dauerte nicht lange. Wir strengten uns an, um mitzuhören. Aber Michail entfernte sich mit großen Schritten und lief hin und her während des Gesprächs, sodass wir kein Wort verstanden hatten. 

 

-       „Richard will, dass wir ihm entgegen kommen“, informierte Michail nachher und stieg dabei in den Bus.

-       „Kommt nicht in Frage. Er hat’s vermasselt, er muss es in Ordnung bringen. Der weiß doch, was für Papiere du brauchst. Wir warten auf ihn hier. Sag ihm, dass wir nach Görlitz fahren und essen gehen“, entschied Heinrich auf ungewöhnlich für ihn sture Weise und ließ darüber nicht mehr diskutieren.

 

So begann unsere Reise am kalten Sonntag, dem 26. Oktober 2003: mit einer erzwungenen Rast bevor es überhaupt losging. Ich fuhr mit Deutschen in einem kleinen Bus zusammen, um mich mit ihnen auf die Spuren der unterfränkischen Schweinfurter im Zweiten Weltkrieg zu begeben. Heinrich wollte die Stellen besuchen, wo Fabriken aus seiner Stadt in das heutige Polen verlagert weiter produzierten, mithilfe der Sklaven-Arbeiter, meist meiner Landsleute. Es war ganz seine Idee. Genauso wie der Verein, der sich der Zwangsarbeit widmete und den er mit fieberhaftem Eifer vorantrieb. Er steckte die anderen mit seiner Strebsamkeit an und nahm sie mit. Eine Strecke lang begleiteten sie ihn, bevor sie von seinem Tempo erschöpft ausstiegen und hinter ihren eigenen Zielen entschwanden. Die Nächsten stießen flugs hinzu. Nur Heinrich blieb über die ganze Zeit dabei und konnte nicht mit der sich selbst auferlegten Aufgabe aufhören. Ich wusste nicht, was sein Antrieb war, aus welchem Grund ihm das Thema keine Ruhe gab. Ersichtlich war es für mich, dass er es persönlich nahm, als ob er eine offene Rechnung bis zum letzten Groschen begleichen musste.

 

 

Nach dem Essen in einer urigen Kneipe verstreute sich unsere Gruppe. Franz und ich schritten durch die engen Straßen des Zentrums. An diesem Tag, früh am Morgen, als wir uns vor der Abfahrt abgehetzt hatten, stritten wir uns wieder laut. Ich entriss ihm deswegen jetzt meine Hand und versteckte sie in der Manteltasche. Wir waren allein, da sah ich nicht ein, das Spiel weiter zu ziehen und ein harmonisches Paar darzustellen. Vor den anderen, vor der Gruppe, hätte ich nie einen Konflikt austragen wollen. Das war ich nicht gewöhnt. Die schmutzige Wäsche gehört nicht in die Öffentlichkeit: Wie oft hatte ich über derartig törichte Volksweisheiten gelacht, und sie doch offenbar beherzigt. Niemand bleibt vor dem Druck seiner Umgebung verschont. Unsere Umwelt zwingt uns zur Anpassung, färbt auf uns mehr oder weniger ab: gemäß der Stärke des Einzelnen. Aber auch der Stärkste wird es nicht schaffen, ins Wasser hinein zugehen und mit trockenen Füßen wieder raus zukommen. Wie das auf Polnisch heißt: „Gerietest du zwischen die Krähen, muss du krähen“. Wieder so eine Weisheit, die keine ist.

 

Franz gab nicht nach. „Lass dich führen“, der Satz kam ihm wie geölt über die Lippen. Der Satz, der für mich einen besonders leidigen Beigeschmack hatte. Er glaubte wirklich an seine Mission, mir den Weg in seinem Lande zeigen zu müssen, was an sich nichts Schlimmes wäre. Nur, er tat es von oben herab. Das wollte ich nicht hinnehmen. Wenn man einem Suchenden die Route zeigt, bedeutet das doch nicht, dass der Fragende blöd ist. Sondern lediglich, dass er sich hier nicht auskennt. Nur das und nichts mehr. Ich wehrte mich demgemäß gegen jegliche Versuche der Bevormundung und ärgerte mich zugleich, dass ich es tun musste. Das Stellen von Fragen, besagte gar nichts über meine Fähigkeiten und Möglichkeiten. Die schienen hier keinen zu interessieren.

 

„Lass dich führen“, Franz wurde eindringlicher. Seine Stimme fuhr in mich hinein. Er griff nach meiner Hand. Ich kämpfte kurz dagegen und gab gleich auf. Eigentlich wollte ich nur Frieden mit ihm. Es war nicht meine Schuld, dass wir ständig stritten.

 

Wir gingen Hand-in-Hand an alten Häusern vorbei, die den Eindruck erweckten, soeben in frische Farben getaucht worden zu sein und an den geisterhaft erstarrten Ruinen, die die Jahre des zermürbenden Kommunismus und die der „blühenden Landschaften“ danach bezeugten.  

 

Die Straßen waren leer, als ob man die Menschen von hier evakuiert hätte. Es nieselte. Unser Schirm lag im abgesperrten Bus im Regal über den Sitzen. Franz trug sein Erbstück vom Vater: einen schwarzen Hut, womit er dem Schauer trotzte. Ich war dem Regen ausgeliefert. Wir schützten uns also in einer nächsten Kirche. Eine Kneipe wäre uns zu teuer ausgefallen.

 

Hinter der hölzern massiven Türe öffnete sich ein schwach beleuchtetes und schlicht anmutendes Reich, in dem alles auf einmal existierte: das Romanische, Gotische und Barocke, das Westliche und Östliche. Die Größe des hohen Raumes ließ jedoch die ganze Ausstattung, Skulpturen, Gemälde und sogar den Altar schwinden und klein erscheinen. Unvollendet und ziemlich leer sah es hier aus.

 

Im Seitenschiff hinter den solidbreiten Säulen wartete eine Überraschung. Auf einmal schlug das Gold in die Augen. Ein Flügelaltar strahlte wie die Sonne am hellen Tag. Der naiv schöne Schrein mutete mir sehr alt an. Daher staunte ich darüber, mit welch erstaunlich junger Frische das Gold glitzerte. Wie eben poliert. Der geschlossene Altar zeigte einen Passionszyklus. Geöffnet enthüllte er Weihnachtsmotive mit Maria im Mittelpunkt.

 

An die Wand gegenüber lehnte sich eine bescheidene Holzfigur des Jesus. Ohne jede Spur vom Gold und Protz. Trotzdem dachte ich, dass sie aus der gleichen Hand wie der Flügelaltar kam. Dieselben naiven und zugleich meisterlich gemeißelten Züge musste der gleiche Künstler ausgeführt haben.

 

Jesus saß in sich zusammengesunken, mit einer Dornenkrone, das Kinn auf der Hand abgestützt, das Gesicht besorgt, nachdenklich, melancholisch. Es war ohne Zweifel der typisch polnische „Jesus Frasobliwy“ (Besorgter Jesus). Solche Figuren trifft man überall in Polen: in den Kirchen, Kapellen, am Wegesrand. Überall in Polen sorgt sich Jesus durch alle Zeiten. In diesem Lande gab es und gibt es genug Gründe, sich den Kopf zu zerbrechen.

 

Er sorgte sich auch in dieser Kirche, während seine Mutter hier strahlte. Maria genoss goldfarbene Pracht wie in Polen die Kult, die ihr allein die Herrschaft über das ganze Land in die Hände legt. Zu der besonderen Patronin stießen Polen die Gebete seit eh und je. Und hoben sie auf den höchsten Thron auf dem sie bis heute herrscht.   

 

Mit gedämpften Stimmen beredeten wir die angetroffenen Kleinode, sinnierten über die unvergängliche Kunst und den unbekannten Künstler, in dem ich einen Polen vermutete, und erstarrten schließlich still vor seinen Werken.

 

Ich zuckte zusammen, als eine weibliche Stimme in meinen Rücken prallte. Hinter mir stand eine Frau mit Rubensformen und brennend dunklen Augen. Wie aus dem Boden gestampft. Sie lächelte auf so eine Art, dass ihr Gesicht von innen aufleuchtete. Ihre dunklen Augen spiegelten das Gold wider und funkelten von einer fieberhaften Leidenschaft. Sie kam auf uns zu und fing zu erzählen an. Als ob sie ein unterbrochenes Gespräch weiterführte und nur in einer fröhlichen Runde tratschen wollte, parlierte sie über die Geschichte dieser Gemäuer. Dass das ursprünglich ein Franziskanerkloster war. Im tiefen Mittelalter. Umgebaut und ausgebaut zur Kirche. Nach der Reformation wurde sie evangelisch. Und sie diente zuerst als eine Schulkirche. Jetzt beherbergt sie Schätze aus allen Epochen, weil sie im Krieg nicht zu sehr gelitten hatte. Aber das Kreuz vom Altar und Reihen von den alten reich verzierten Chorgestühlen wurden einfach gestohlen. „Manches ist in Polen geblieben“, erläuterte die Rubensfrau und ich hörte einen vorwurfsvollen Ton heraus. Natürlich, dachte ich irritiert, wieder sind nur die Polen schuld. Ich startete zu einer Gegenattacke.

 

-       „Der Jesus kommt aber von dort her, nicht wahr?“, fragte ich und streckte meine Hand in Richtung der Holzskulptur. Was ich damit meinte, aber nicht direkt formulierte: Jemand musste ihn demnach hierher verschleppt haben.

 

Ja, das könnte stimmen: Sie gab es zu und schaute mich konsterniert an. Sie stolperte über meine Äußerung und wirkte eine Weile ein wenig schusselig, wie aus dem Traum grob geweckt. Ihre Augen fragten: Was ist los mit dir, weswegen ärgerst du dich? Fast hätte ich mich entschuldigt, dass ich sie auf die Erde zwang, obwohl sie doch lieber hoch über den weltlichen niedrigen Gemeinheiten schwebte. Dazu gab sie mir keine Gelegenheit. Sie erzählte nach dieser kurze Unterbrechung sofort unbeirrt weiter, dass derselbe anonyme Bildhauer den Jesus und den Flügelaltar vor fünf Jahrhunderten schuf. Ich schaute Franz triumphierend an. Das hab ich doch erkannt.

 

Dann änderte sich der Ton der Rubensfrau. Sie ereiferte sich, ohne eine Pause einzulegen, ohne einen Übergang vorzunehmen, wie froh sie sei, dass man hier in dieser verwahrlosten Kirche nicht mit der Renovierung begonnen hatte. „Was für ein Quatsch!“, ging es mir durch den Kopf. Als ob sie es gehört hätte, legte sie mit Emphase ihre Meinung klar:

 

-       „Wenigstens bleibt die Kirche vor der Zerstörung verschont“. Sie sagte „Zerstörung“ und meinte damit „Renovierung“, registrierte ich verdutzt. Auf einmal erschien sie mir dämonisch, besessen, verrückt. Sie glühte vor Wut, als wenn jemand diese morschen Ziegel ihrem Besitz entreißen wollte.

 

Auch Franz schaute sie ungläubig an. Wir beide schwiegen intensiv und verständigten uns mit den Blicken in einem Gedanken: mit der Frau sei etwas nicht in Ordnung. Sie fuhr währenddessen aufgebracht fort, dass die Häuser im Zentrum ein Beweis wären, für die Farbenblindheit von den Entscheidungsträgern. Dann warf sie rasend ein, dass sie diese Menschen kenne. Die gleichen Menschen hätten auch das Sagen über die Kirche. In diesem Falle wäre also das Fehlen des Geldes eine glückliche Fügung.

 

-       „Haben Sie die Laternen gesehen?“, fragte sie unvermittelt weiter und bohrte uns mit ihrem feurigen Blick.

 

Laternen? Was für Laternen? Nein, ich schüttelte verängstigt nur den Kopf. Am liebsten wäre ich in diesem Moment geflüchtet. Diese Frau machte mir Angst. Wie uns immer Angst machen die, die wir nicht begreifen. 

 

-       „Sie sind überall: im Zentrum und auch hier vor der Türe. Die sehen wie Abhörgeräte der Stasi aus“, empörte sie sich. Damit bestätigte sie nur meine Vermutung, dass sie nicht alle Tassen im Schrank hatte: Katholiken, Evangelen, Kreuz von Polen gestohlen, Stasi und Abhörgeräte; was ist dies für ein wirres Zeug?

 

Aber als wir später vor der Kirche standen und auf ganze Reihen solcher Laternen blickten, lachte ich auf. Ich hatte noch nie ein Abhörgerät gesehen und dazu noch von der Stasi. Dennoch dachte ich, die Beschreibung traf auf eine unbegreifliche Weise zu.

 

-       „Komm!“, ich nahm Franz an der Hand. Unbedingt musste ich der Frau das mitteilen.

-       „Sie haben Recht“, ich wandte mich ihr zu, als sie in einer kleinen Hintertüre wieder erschien, wie eine Bäuerin vor eigenem Zaun. In ihren aufgerissenen Augen las ich, dass sie keine Ahnung hatte, was ich wollte. „Sie haben Recht – wiederholte ich – die Laternen sehen wirklich wie Abhörgeräte aus“.

-       „Na bitte!“.

 

Ich glaube, dass sie sich gefreut hat. Wir standen jetzt mitten in der Kirche zu dritt und ich wusste nicht, wie ich aus dieser Situation rauskomme. Was sollte ich noch sagen? Franz schwieg: das war doch meine Idee, zurückzukehren.

 

Sich einfach umzudrehen und wegzulaufen, kam für mich nicht in Frage. Unsere kurze geistreiche Begegnung durfte nicht auf diese geistlose Art abgeschlossen werden. Mir fiel aber nichts ein, außer dass ich die Laternen genau so wie sie fand, dass ich sie auf einmal mit ihren Augen sehen konnte. Hinter dem Schweigen wie hinter einer Mauer, die sich unerwartet vor uns aufgetürmt hatte, blieben all die Fragen, die ich ihr eigentlich stellen wollte. Die erste wäre: Warum ist sie jetzt hier? Vor dieser Frage schreckte ich, wie ein Naturliebhaber, der einen Schmetterling nicht nageln und damit seinen Flug mit einem Stich nicht beenden will, und aus diesem Grunde auf eine korrekte Studie dieser Spezies freiwillig verzichtet. Ich ahnte zudem, dass mir ihre Antwort nicht gefallen würde. An der Schwelle zu einer einfachen Information verstummte ich und ließ lieber alle möglichen Antworten offen. Und sie, so redegewandt noch vor wenigen Minuten, schwieg und schien unruhig zu wittern, was für Absichten uns zurückgeführt hätten. Das Nichtausgesprochene nahm den Platz zwischen uns ein und breitete sich aus.

 

Ich insistierte nicht, was sie eigentlich in dieser Kirche tat und was hat sie damals gemacht, als man über die Stasi nicht so unbekümmert lachen konnte? Wenn ich sie danach gefragt hätte, wäre ich zugleich gezwungen gewesen, mich mit meiner eigenen Vergangenheit zu befassen. Dafür war ich nach all diesen Jahren noch nicht bereit. Ich wollte mich noch nicht meiner Geschichte stellen. Dafür fehlte mir Kraft, Mut oder Kühnheit. Ich wusste, dass ich es irgendwann werde machen müssen. Niemand ist so schnell, dass er vor eigenem Schatten flüchten kann. Ab und zu versuchte ich also wenigsten Teile ans Licht zu bringen, lauter kleine Splitter, aber daraus ergab sich kein Bild, das über damals erzählte. Weil meine Wörter den Kern verfehlten und zu Staub zerbröckelten. Warum sie den Kern verfehlten? Weil ich meine Angst vor der Wahrheit über mich selbst nicht überwunden hatte. Und von allen Ängsten war das die größte. Was ich vorerst als ein äußerliches linguistisches Problem erkannte – dass ich keine richtige Sprache fand, um meine Vergangenheit vorzutragen - versteckte sich vermutlich viel tiefer in meinem Inneren.  

 

Wenn das Erlebte einem das Siegel auf den Mund presst, braucht er mehr als nur den guten Willen gegen diesen Fluch. Es ans Licht zu holen, bedeutet zu benennen. Es zu benennen, bedeutet zu entblößen. Es zu entblößen bedeutet bereit zu sein, es wieder zu erleben, wieder zu erleiden. Wer könnte es von mir oder von ihr verlangen?

 

Wir standen mitten in der Kirche und lächelten uns an. Ich bat schließlich die Rubensfrau um ihren Namen und ihre Adresse. Sie hatte nichts dagegen und kritzelte ihre Angaben auf einem Papierschnitzel. Danach verabschiedeten wir uns wie gute Bekannte und spendeten ein paar kleine Münzen für den Wiederaufbau, wie es hieß. Als ich mich an der Türe nach ihr umdrehte, war sie weg, wie aufgelöst.

 

 

 

*

 

 

 

Der Busunternehmer Richard traf endlich ein. Er wollte mit niemandem reden, blieb im Auto sitzen, ließ seinen Sohn das Original des Fahrzeugscheines durchs Fenster überreichen und fuhr sofort wieder weg. Alle Reisenden, außer mir und Franz, kannten ihn. Im Bus schüttelte man sich vor Lachen über ihn und sein Pech, das ihn nicht zum ersten Mal verfolgte. Und obwohl wir nicht eingeweiht in seine Belange waren, lachten wir beide herzhaft mit. Die gute Laune im Bus steckte uns an; wir befreiten uns von unnötigen Bändern und Zwängen und standen offen, für das, was der Tag noch bringen sollte. Und diesmal kamen wir unbehelligt durch die Grenze.

 

Heinrich setzte sich neben den Fahrer, nahm das Mikrofon und begrüßte uns in Polen. Dann übergab er das Wort an Frau Raissa. Ich bemühte mich, mein Grinsen zu unterdrücken. Während Frau Raissa in kurzen einfachen Sätzen über Polen sprach – eine Art der Einleitung für die deutschen Gäste in unserem Lande - fletschte ich die Zähne und konnte mich nicht beherrschen. Ich war beschwingt von dem Gefühl der Erfüllung.

 

Frau Raissa war die Älteste von uns. Ihr schmales Gesicht umrahmten blondierte und frisierte kurze Haare. Über ihre knallrot geschminkten Lippen glitt ein kesses Lächeln. Mit ihrer auffallend schlanken Figur, elegant gekleidet, wirkte sie auf mich durchaus zerbrechlich. Ich zweifelte, dass sie diese Tour mithalten könnte.

 

Dass noch eine Polin mitfährt, wusste ich seit Tagen. Ich erfuhr dies am Telefon. Heinrich warnte mich sogleich, dass es sich um eine eher eigensinnige Dame handele. Als ich sie an diesem Morgen zum ersten Mal dann sah, staunte ich nicht schlecht. Nachdem was ich über sie gehört hatte, erwartete ich eine stattliche starke Person mit steinhartem Ausdruck im Gesicht.  

 

„Ich fahre mit“: Eben so hatte sie ihren Wunsch geäußert. Als sie zu Heinrich gekommen war, fragte sie nicht nach einem Platz, sondern teilte ihm lediglich ihre Entscheidung mit. Er schaute sie an und dachte: „Das kann nicht gut gehen“. Dann ermahnte er sie laut vor einem anstrengenden Programm, weitem Weg und langer Reise in einem kleinen Bus mit engen Sitzen. Damit schaffte er nicht, sie abzuschrecken. „Macht nichts“, antwortete sie unbeeindruckt und weckte in ihm den Verdacht, dass sie nicht richtig zugehört hatte. Sie sei fit, antwortete sie selbstsicher, und sie unternehme viele Reisen. Also sie sehe da kein Problem. Zwar lag sie noch vor wenigen Jahren nach einem Schlaganfall gelähmt im Bett, aber sie schaffte es, sich wieder hoch zu rappeln. Ihre fragile Gestalt täuschte.

 

Nach Frau Raissa war ich dran. Zu dieser Gruppe gelangte ich durch Zufall. Eine gemeinsame Bekannte kontaktierte mich mit Heinrich. Er suchte jemanden, der Polnisch kennt und für seinen Verein Texte über die Häftlinge und Zwangsarbeiter übersetzt. So trafen wir aufeinander. Ich fand ihn auf Anhieb sympathisch. Es lag vermutlich an seiner warmen Aufmerksamkeit, die er mir entgegen brachte. Wie einer es tut, wenn er auf die Freunde trifft. Meine Scheu schmolz von Sekunde zu Sekunde.

 

Wir betraten eine Bar und setzten uns in dem leeren Lokal an einen wackeligen winzigen Holztisch. Eine junge mürrische Kellnerin brachte uns zwei Gläser Bier. Ich lehnte mich im Stuhl zurück und schaute mein Gegenüber an. Er lächelte. Ich lächelte höflich zurück, eingestellt auf Fragen und sachliche Erklärungen seinerseits. Er aber schwieg. Ich griff zum Hefter, den er auf dem Tisch abgelegt hatte, zog den Papierberg zu mir und fragte erst dann: „Ist das für mich?“. Nicken. Ich blätterte flüchtig in den Seiten und hörte bald unentschlossen auf. Heinrich nippte am Bier mit behaglicher Langsamkeit, die dem Ablauf der Dinge ihren Rhythmus zurückgab, stellte das Glas auf den Deckel ab und erklärte knapp, wie er sich unsere Zusammenarbeit vorstellte.

 

War er mit seinen Hinweisen fertig, knüpfte ich daran, sprang aber gleich vom Thema ab. Von einem kam ich ins Tausendste. Ich redete als ob in mir alle Dämme gebrochen wären. Ich redete über Deutschland und Polen, über Gesellschaft und Politik, über Welt und Umwelt. Nur nicht über mich selbst. Zu Hause herrschten stille Tage mit Franz. Neulich begann er eben auf die kleinen und großen Unstimmigkeiten mit dem Schweigen zu reagieren. Er schwieg mich mit eiserner Beharrlichkeit an. Im Schlechten war er einfach viel konsequenter als im Guten. Nach einigen gescheiterten Versuchen meinerseits, den Brand gleich zu löschen, indem ich nach dem Streit mit der ausgestreckten Hand auf ihn zuging, biss ich meine Zähne zusammen und machte es ihm nach. Als ob wir in einem Wettbewerb „Wer länger aushält?“ teilgenommen hätten, beharrten wir stur auf unseren Positionen und fanden nicht zueinander. Ich wusste nicht, was schlimmer war: wenn wir uns angeschrieen hatten oder wenn wir gar nicht miteinander sprachen. Dabei verließ mich der Eindruck nicht, es gäbe keine wichtigen Differenzen zwischen uns. Wir stolperten stets über belanglose Kleinigkeiten. Diese Kleinigkeiten lösten dennoch die Lawinen aus. Sie rollten über uns hinweg und wir waren diesem Fortgang ausgeliefert. Ich litt darunter, zog mich noch mehr zurück und gewöhnte mir ab, auf die Menschen zuzugehen.

 

Heinrich warf hin und wieder einen Satz dazwischen und lächelte dabei ermutigend. So jedenfalls hatte ich sein Verhalten ausgelegt. Aber als er mit dem Blick auf die Uhr sich entschuldigte – er hole gleich seine Frau ab und die solle keineswegs warten müssen – und stockend vorschlug, dass wir dieses Gespräch beim Grillen in seinem Haus fortsetzen könnten, vermutete ich eine platte Ausflucht. Wahrscheinlich war ihm mein Gerede doch zu viel. Ich nahm die Texte mit und verabschiedete mich von ihm ein wenig verlegen und enttäuscht.

 

Zu meiner Überraschung hat er sein Wort gehalten und ich lernte, dass auf ihn immer Verlass ist. Er lud also mich und Franz zu sich nach Hause ein. Wir saßen dort an einem langen Tisch in seinem Garten, aßen Würste und Steaks, tranken Bier und Wein und diskutierten mit ihm, seiner Frau und seinen Freunden. Ich sah dort einen Platz, wo Menschen (drei Generationen) und Tiere (zwei große Hunde und zwei dicke Katzen) mit Natur im Einklang friedlich lebten. Auf der Holzbank sitzend ließ ich mich vom Gastgeber bedienen und wollte mich nicht vom Fleck rühren. Auch nicht als Franz darauf drang, sich zu verabschieden und nach Hause zu fahren. Ich bat um noch ein Bier, trank es genüsslich und lachte über mehr oder weniger lustige Witze. Im Auto schwiegen wir uns wieder an, wie auch später zu Hause.  

 

Heinrich hielt den Kontakt zu mir aufrecht und zog mich in die Arbeit seines Vereins mit ein. Auf diese Weise riss er mich aus meiner zweisamen Einsamkeit heraus.       

 

Als ich das Material von Heinrich erstmals las, wühlte es mich auf. Ich musste aufhören. Einige Wochen rührte ich den ganzen Papierstapel nicht an. Erschüttert und mitfühlend weigerte ich mich, damit zu befassen. Diese auf dem deutschen Boden gelesenen Texte lebten plötzlich auf. Nicht nur die zeitliche Distanz schien geschrumpft gewesen zu sein; ich identifizierte mich unabwendbar mit den Opfern. Das jagte mir Angst ein. Wovor genau, hätte ich nicht sagen können: dass sich die Geschichte nochmals wiederholt, dass ich zum Freiwild erklärt werde? Auf einmal kamen Fragen auf, die ich mir bis dahin nicht gestellt hatte: Was sucht ein Nachkomme der Opfer in Deutschland? Sieht man in mir eben nur ein potenzielles Opfer? Gelten möglicherweise einige der alten Regeln immer noch? Gilt weiter das Unrecht vom damals, zwar nicht mehr vorgeschrieben aber trotzdem beibehalten? Wie viel vom alten Gedankengut hat in den Köpfen überdauert? Die Ideen, einmal in die Köpfe eingepflanzt, verschwinden nicht auf Kommando. Jemand, der über die Jahre in einem fremden Nächsten nur einen Untermenschen gesehen hatte, wird ihm möglicherweise nicht mehr auf Augenhöhe begegnen wollen. Bewusste oder unbewusste festgesetzte Sedimente des Erlebten vermacht er weiter, nicht unbedingt durch das laut Ausgesprochene, vielmehr über Empfindlichkeiten und Kränkungen.   

 

Diese Dokumente zogen mich in die Vergangenheit hinein, zwangen zu einer Auseinandersetzung und warfen gleichzeitig einen Schatten auf die Gegenwart. Jetzt war ich in der alten Geschichte drin, obwohl ich geglaubt hatte, mich raushalten zu können.

 

Während unserer Fahrt sollte ich dolmetschen. Ich habe zuerst dem Angebot euphorisch zugesagt. Mal wieder hoffend, dass das Geld einmal reicht. Später musste ich kleinlaut die Teilnahme abschlagen. Ich konnte den Betrag für die Verpflegung und das billige Hotel in Polen nicht auftreiben. „Es geht nicht“, murmelte ich am Telefon. Heinrich stockte, wirkte bestürzt, als er die Gründe erforschte. Nachdem ich meine Erklärungen gestottert und gelispelt hatte, flehte er mit Nachdruck: „Du musst fahren! Wir brauchen dich!“. Er traf meinen wunden Punkt. Da dies ganz unerwartet kam, schluchzte ich aufgelöst los. Davor hatte ich zum Glück noch geschafft, den Hörer mit der Hand fest zuzudecken, sodass Heinrich nichts merken konnte.

 

Wer möchte das nicht: sich gebraucht fühlen? Darunter versteht jeder natürlich etwas anderes. Aber einig sind wir uns bestimmt alle, dass wir wie Wasser und Luft auch die Nächsten zum Leben brauchen und dass wir dazugehören möchten. Wir brauchen einander. Warum sollte ich anders sein?

 

Das Schwerste überstand ich bis dahin eigentlich dank Träumen. Ich habe nie aufgehört zu träumen und zu hoffen. Das tat ich weiter. Meine Hoffnungen und Träume wurden jedoch in der bayerischen Einöde brüchig und flimmerten nur in der Nacht im trügerischen Leuchten. Am Tage glaubte ich nicht mehr, dass ich noch etwas taugte und klagte mich selbst an, alles falsch gemacht zu haben. Der Alltag zermürbte mich dermaßen, dass ich mich langsam mit der Brandmarke „Ausländerin“ abfand. Nicht ein Mensch, eine Frau, Polin - alles nebensächlich. Ich bin Ausländerin. Eigentlich: ich bin zur Ausländerin gemacht worden. Oder - ich habe mich selbst in diese Lage gebracht. Folglich: ich bin selbst schuld, dass ich eine geworden bin. Ich begann, mich selbst auf diese Weise vorzustellen: Ich bin Ausländerin. Und das ist wie eine ernste Krankheit zu verstehen, eine ansteckende Krankheit, die die Einheimischen fürchten.   

 

Darum war es derart wohltuend, dass ich gebraucht werde zu hören. Ich klammerte mich an diesem Gedanken fest. An jede Silbe dieses Satzes. Währenddessen unterbreitete Heinrich schon einen Vorschlag: Für meine Dienste als Dolmetscherin während der Reise durften wir beide, ich und Franz, umsonst mitfahren und übernachten. Wie eine Bettlerin kam ich mir vor und ich schämte mich dafür, aber ich nahm sein Angebot dankbar an. Mein Gewissen besänftigte ich mit dem Schwur – ich sprach es nicht laut; ich gab es mir selbst - diesen Betrag irgendwann zurückzuzahlen.        

 

 

Von meinem Platz im hinteren Teil des Busses stand ich langsam auf und drängte mich am Franz vorbei. Mein Atem rutschte in den Bauch hinab und blieb dort stecken. So erging es mir gewöhnlich, wenn ich mich vor Menschen stellen und vortragen musste. Franz zeigte mit Gesten und Mimik: Es wird alles prima. Und verunsicherte mich noch mehr, weil er dadurch meine Angst entlarvte. Ich dachte nur: Warum tut er das? Wollte er mir wirklich helfen oder mich bloßstellen? Wenn ich so viel Zuspruch für diese kurze Darbietung brauche, ist es doch um mich schlecht bestellt, oder? Verflucht, warum muss ich ständig etwas beweisen? Die Blätter, die ich mir vorbereitet hatte, fielen mir aus der Hand. Als ich sie aufzuheben versuchte, plumpste das Mikrofon auf den Boden. Nochmals musste ich mich bücken.

 

Mit dem Mikrofon in einer Hand und den Zetteln in der anderen hob ich meinen Kopf und schaute in wachsame Augen.

 

Ganz vorne wandte sich mir Frau Raissa zu. Dahinter Lena. Sie war in den Bus eingestiegen und hatte seitdem keinen Ton gesagt. Den Weg bis zur Grenze hatte sie verschlafen. Um ihr ruhiges Gesicht kräuselten sich dichte Locken. Über solche habe ich immer geträumt. Auf der anderen Seite des Busses saß Toni, mit beträchtlichem Umfang. Seine Hände kreuzte er vor der Brust. Eine klobige Brille vergrößerte den Schatten um seine Augen. „Es wird schon werden“, schien sein Blick zu sagen. Dass er und Lena ein Paar sind, bemerkte ich erst später. Sie hielten sich mit ihren Gefühlen zurück. Toni blieb meist an der Hürde zu einer Äußerung stecken. Umso erstaunlicher war sein Geständnis. An einem Abend, als der polnische Wodka auf den Tisch kam, nahm er kein Glas in die Hand und gab zu, dass er ein Alkoholiker sei, ein so genannter trockener Alkoholiker. Er trinke nicht mehr, aber die Gefahr des Rückfalls müsse er bis Ende seines Lebens mittragen. Toni sprach darüber mit sichtbarer Mühe, jedes Wort abwägend. Lena hörte zu und schwieg.

 

Hinter Toni kauerte Dieter, schmächtig und unruhig, als ob er die Geschehnisse beschleunigen wollte. Er rief zu Hause an und sprach mit den Kindern mit solch einer Sehnsucht, als wenn sie sich für Jahre und nicht für Tage getrennt hätten. Links von ihm saß Heinrich mit seiner Christel. Beide mit kurzen Frisuren und ausgestattet wie ordentliche Touristen, die für jeden Wetterwechsel das Richtige anhatten. Sonst aber unterschieden sie sich diametral. Christel ging mit der Sprache sehr sparsam um, ihren Part überließ sie Heinrich. Er nutzte es in vollem Umfang. Wenn ich ihn nach unserem ersten Treffen eingeordnet hätte, wäre ich völlig falsch gelegen. Während der Fahrt hatte er ständig etwas zu berichten, mit oder ohne Mikrophon.

 

Dahinter lächelte Heinz. Das Lächeln war ihm eingewachsen. Er trug es, wie andere einen Schild hielten, um sich dahinter zu verstecken. Seine Frau, Ivon, auf der anderen Seite des Busses, beugte sich etwas nach vorne und streckte sich, um gerade zu sitzen, wie eine brave Schülerin. Ihre Augen, dunkel und aufgeweckt, klebten an Menschen und Dingen, glänzten vor Neugierde und Bereitschaft für Abenteuer. Ganz anders die Augen von Dorothea, die es sich hinter Ivon bequem zu machen versuchte. Obwohl sie über zwei Sitze verfügte, gelang ihr dies irgendwie nicht und ihr war die innere Anspannung anzumerken. Dorotheas Blick mahnte und forderte, sprühte unausgesprochene Vorwürfe und glühte wie vor verdrängter Wut. Wenn sie jedoch lächelte, wurde ihr Gesicht weich und warm. Sie übergoss den Angelächelten mit ihrer Zuneigung, dass er sich darin sonnen konnte.

 

Wie Heinz arbeitete auch Dorothea als Betreuerin von den so genannten schweren Jugendlichen. Die beiden unterhielten sich während der Fahrt über ihre Arbeit und riefen sich ihre Mitteilungen gegenseitig zu. Er lächelnd, sie gestreng mit einer Note der Verzweiflung. Dorothea kleidete sich sportlich. Sie redete schnell und lief leichtfüßig. In ihren energischen Bewegungen steckte viel Unruhe. Wie auf Reißnägeln sprang sie hoch und drehte sich nach hinten. Dort kicherten und flüsterten Felix – Dorotheas Lebensgefährte und Anja - ihre 15-jährige Tochter. „Sie ist meine Anja, aber nicht meine Tochter“, erklärte später Felix, der sich sonst zurückzog und aufmerksam seine Umgebung musterte. Anja, die Jüngste, blickte verführerisch auf die Welt um sie herum.

 

Allesamt muteten für mich gemütlich an. Figuren, die nicht besonders auf der Straße auffallen würden und die man, bei etwas Glück, als Nachbarn begrüßen dürfte. Das waren sie eben - Nachbarn von nebenan, Bekannte und Freunde. Menschen wie ich. Hätte mich jemand, als ich hier saß, von dem Rest der Gruppe unterscheiden können? Ich sah aus, als wäre ich eine von ihnen. Wirklich? War ich das?    

 

Ich begann zu sprechen. Ich stapfte zwischen den Wörtern, ich schlug mir den Weg durch den Dschungel. „Wir, Polen, leiden unter dem Mangel an Selbstbewusstsein“, monierte ich und zerfloss vor Selbstmitleid. Noch klang der Satz über den Köpfen, da überfielen mich die Zweifel. Das, was ich gerade laut und ernst vortrug, fand ich auf einmal komisch. Ich stellte mir diese von meinen Landsleuten vor, die derart selbstsicher rüber kamen, dass sogar ein Bayer verzweifeln könnte. Es war nichts Ungewöhnliches für mich, in einer Sache „sowohl als auch“ zu sehen, von allen „aber“, „vielleicht“, „möglicherweise“ mich verunsichern zu lassen. Ein Fluch der Grübler, die sich von verschiedenen Denkrouten verführen lassen, wie jemand anderer von den langen Beinen. Gleichzeitig war ich aber von meiner Behauptung überzeugt. Mich betraf sie jedenfalls. Aber durfte ich verallgemeinern, in der Annahme, dass ich typisch wäre? Handelte es sich um meinen Minderwertigkeitskomplex, aus welchem Grund auch immer, oder um ein nationales Problem?

 

Meine These, die ich nicht im Ansatz zu beweisen versuchte, besagte, dass man eine Gleichung anstellen könnte, zwischen dem fehlenden Selbstbewusstsein und dem polnischen Charakter. Nicht angeboren, nicht genetisch bedingt. Sondern historisch entwickelt und eingewachsen. Sogar das Wort Selbstbewusstsein existiert im Polnischen nicht. Um es zu übersetzen braucht man mehr als ein Wort; ein Satz reicht auch kaum. Der Begriff ist zu abnorm für unser Verständnis. Natürlich gibt es in der polnischen Sprache das über die Zugehörigkeit zu den menschlichen Wesen entscheidende Bewusstsein, das sich jedoch auf die Umgebung und nicht auf einen selbst bezieht. Aber eben kein Selbstbewusstsein.

 

Hierzulande lässt man nur die anderen über den eigenen Wert urteilen. Gezwungenermaßen selbstlos. Also, der Einzelne verschwimmt in der Gemeinschaft; erst sie gibt ihm Konturen und entscheidet über seine Qualität und seine Dispositionen. Dadurch scheint die notwendige Wechselwirkung zwischen dem Einzelnen und der Gruppe gar nicht vorhanden zu sein. Der Traum der totalitären Systeme, das Individuelle zu vernichten, vollzog sich im Laufe der polnischen Geschichte wie von selbst. Aus diesem Grunde sind wir dermaßen empfindlich auf die Meinungen und Urteile von anderen. Sie sind für uns von existentieller Bedeutung. Wenn sie negativ ausfallen, sind sie vernichtend. 

 

Schnell verließ ich den unsicheren Boden; mit einem weiten Sprung tauchte ich in die Geschichte ein und holte ein paar Lichtblicke heraus. Sie sollten die Gemeinsamkeiten bezeugen, die die neueste Historie zu verneinen schaffte. Ich erwähnte mit keinem Mucks den Krieg. Hin und zurück wechselte ich zwischen der Historie und der Gegenwart. Ich wagte jedoch nicht in die Nähe dieses schwarzen Loches. Es war nicht die Angst, dass wir danach auf den zwei Seiten eines Grabens sitzen und uns wie Vertreter zwei auf ewig verfeindeter Nationen feindlich angucken, die mich das Thema meiden ließ. Als ob es sich nur um einen fröhlichen Ausflug, ein Picknick beinahe, gehandelt hätte, wollte ich die Gäste gut einstimmen. In diesem Moment verstand ich mich als Gastgeberin. Ich war hier zu Hause und sie besuchten mein Land.

 

Mit der Milch der Mutter saugen polnische Kinder diese slawische verhängnisvolle Ergebenheit gegenüber den Gästen. Es heißt zwar „Gast ins Haus, Gott ins Haus“, als ob es sich um eine christliche Tradition handeln würde. Aber da wäre im christlichen Deutschland eine ähnliche Sentenz auch zu finden. Weiß jemand hier eine solche? Mir ist sie nicht bekannt. Ich vermute, dass der obige Spruch wesentlich älter als das Christentum in unserem Lande ist und dass er damals ungefähr so lautete: „Gast ins Haus, Gnade der Götter ins Haus“. Dieses Gebot der Gastfreundlichkeit hat alles überdauert und noch heute öffnet es die Türe für den Besucher.

 

Vor lauter Gastfreundlichkeit verlor ich gänzlich das Ziel unserer Reise aus dem Blick. Es gab doch Zeiten – sinnierte ich - in denen wir uns sehr nahe standen. Dafür sollte als Beispiel der mittelalterliche deutsche Bildhauer Veit Stoß herhalten. Er, ein Deutscher, erschuf in der Marienkirche in Krakau, wo er Jahrzehnte lebte, den schönsten polnischen Altar: Inbegriff des Polnischen von deutscher Hand geschaffen. Was für ein Paradox. In Polen angebetet und als Wit Stwosz eingepolnischt, kehrte er Heim und wurde von den eigenen Landsleuten für finanzielle Belange hinter Gitter gesteckt und vergessen. Wäre er bloß bei uns geblieben, seufzte ich und krümmte meine Lippen zum Lächeln. Diese Bemerkung sollte wie ein Scherz wirken, kam aber bei den Zuhörern nicht so an. Die beabsichtigte Heiterkeit wollten sie entweder nicht verstehen oder sie blieb ihnen verborgen. Ich stieß auf ihr Schweigen, rutschte an dieser kalten Fläche und suchte erneut nach dem Faden.  

 

Während ich sprach, musste ich an meinen Akzent denken. Meist versuchten meine deutschen Gesprächspartner selbst zu erraten, woher ich komme: Russland? Als ob nicht das, was ich zu sagen hatte, wichtig wäre, sondern nur allein meine Abstammung. Von der Herkunft soll also abhängen, ob man einem zuhört oder nicht. Der Akzent avanciert zum Erkennungszeichen, zu einem einzigen relevanten Signal, das man an erster Stelle wahrnimmt und darauf sofort reagiert. Die Frage nach der Abstammung empfand ich keineswegs als eine einfache Befriedigung der gesunden Neugierde derer, die sich für die weite Welt interessieren. Sie fragten nicht aus Neugierde. Sie fragten, um den Abstand genau zu bemessen. Danach folgte hoffnungsvolles: „Möchten Sie zurück in ihrer Heimat?“ 

 

 

Ich bemühte mich vom Blatt abzulesen, aber meine Händen zitterten zu sehr – die Buchstaben hüpften vor meinen Augen und die Wörter platzten auseinander - also ich ließ davon ab, knetete das Papier zusammen und stolperte in der freien Rede gleich über die kleinen Verräter, die sich samt meiner Aufregung gegen mich wandten, über die Artikel: „der“? „die“? Oder doch „das“? Sie fielen mir in den Rücken und merzten meine Bemühungen zunichte, wenigstens grammatisch korrekt zu sprechen. Sie raubten mir die winzigen Reste meines Selbstvertrauens. Und nötigten zu stottern.

 

Der Bus flitzte durch die mir vertraute Umgebung. Mit einem Augenwinkel nahm ich jedes schmerzende Detail auf. Die kleinen zerfallenden Häuser, die löchrigen hässlichen Straßen, die abgearbeiteten kraftlosen Menschen. Und drinnen starrten mich die wachen Augen der Deutschen an. Sie saugten sich an mir fest und beobachteten mich wie ein Exponat. Ich hätte gern erfahren, wer ich in diesem Moment für sie war. Warum hörten sie mir so aufmerksam zu? So viel Aufmerksamkeit konnte ich gar nicht ertragen. Meine Bewegungen wurden noch mehr tollpatschiger, obwohl ich diese Steigerung für kaum möglich hielt. Und ich spürte eine heiße Welle, die mein Gesicht färbte. Ich strahlte dort stehend rot wie eine Tomate. Meine Stimme wurde dabei sachter. Am liebsten hätte ich jetzt um Gnade gebeten und mich in einer Ecke verkrochen. Hilfe!

 

Die, die da saßen, schienen auf etwas zu warten. Worauf? Ihr Interesse konzentrierte sich in diesem Moment nur auf mich allein. Das unbekannte Land hinter dem Fenster ließen sie außer Acht, dafür zerlegten sie mich auf die primären Bestandteile und suchten den Zusammenhang.

 

Was wollten sie von mir eigentlich hören? Eines war ich mir sicher: Bestimmt würde ich diese Erwartungen nicht erfüllen. Wie denn! Ich hatte nicht einen leisesten Schimmer, was ich ihnen bieten sollte oder durfte. Eben, ich wollte mich auf sie einstellen, wie eine gute polnische Gastgeberin, und begriff, dass es mir nicht gelingen würde, in wenigen Sätzen etwas darzustellen, was als unauslöschbarer Fluch die vielen Generationen überschattete und dem Außenstehenden wie eine Chiffre ohne Schlüssel vorkommen musste. Zudem schreckte ich selbst davor zurück, mich mit diesen Themen zu beschäftigen. Wenn sie nur wüssten, was ich mir selbst mit dieser kurzen Vorführung angetan hatte! Erst als ich meinen Vortrag beendete und mich auf meinen Platz warf, hörte ich zu zittern auf. Uff, geschafft!

 

 

Spät am Abend fuhren wir durch das Tor zum „Paradies“. „Paradies“ stand am Rande des Waldes und sah aus, wie von einem bayerischen Dorf hierher übersetzt. Wir begutachteten eine Weile das Fachwerkhaus durch die Busfenster. Eine dünne Schneedecke beleuchtete das Gebäude, den Weg, und strahlte dem dunklen Wald entgegen. Unter dem Sternenhimmel sprangen wir bald auf den weißen Schneeboden und atmeten die kalte Frische.

 

Wir wurden bereits erwartet. Und nicht nur von der Hotelbesitzerin. Ein Pfarrer mit seinem langbärtigen Helfer, beide Bekannte von Frau Raissa und durch sie über unsere Ankunft informiert, saßen im Speisesaal seit ein paar Stunden. Es überraschte mich nicht, dass Frau Raissa diese ungewöhnlichen Gestalten zu ihren Freunden zählte. Sie muteten für mich exotisch und heimisch zugleich an. Exotischer ging es kaum, was ihre Religion betraf: in dem fast rein katholischen Land gehörten sie der griechisch-orthodoxen Kirche an. Dennoch nicht auf einen Millimeter unterschieden sie sich von den Katholiken in ihrem Habitus. Es war die gleiche Art, die im polnischen Kessel jeder verpasst bekommt. Diese Hülle, die uns gefangen hält, die wir verfluchen und die von weitem nach Kindheit riecht.

 

Jetzt luden sie uns alle zu sich ein. Frau Raissa flüsterte uns ein, dass es dort gut zu essen gäbe. Also schnell, Koffer aufs Zimmer und zurück in den Bus. Michail warf den Rückwärtsgang ein und krachte ins Tor. Er murmelte etwas undeutlich, stieg aus und betrachtete gründlich den Schaden. „Nur ein Blinklicht und eine kleine Beule“, konstatierte er erleichtert. Der Pfarrer Marian hob seine Augen zum Himmel und versprach Hilfe:

 

-       „Sie werden sehen, wir lassen es machen, es bleibt keine Spur, wie nach einem Wunder“.

 

Der Kontakt zur „Macht von oben“ hat leider die ganze Woche nicht funktioniert: Das Wunder ist nicht geschehen, der Schaden am Bus wurde nicht repariert. Ich hatte es gleich geahnt: Hierzulande gibt man die Versprechungen leicht. Mit dem Einhalten nimmt man es nicht so genau. Etwas zu versprechen gehört zum guten Ton. Man könnte es als Ausdruck der Sympathie verstehen. Oder als Trost. Aber nie als eine Zusage. Die müsste man sich schon schriftlich geben lassen.

 

Mit den beiden, dem Pfarrer Marian und dem langbärtigen Matthäus Glowacki, fuhren wir zu ihrer griechisch-orthodoxen Gemeinde, der einzigen, die sich im Westen Polens befand. Auf den Treppen des alten Gebäudes blieb der Pfarrer stehen und erzählte über seinen Schwiegervater. Den hatte er nie kennen gelernt. Er war ein Müller und wollte am Ende des Krieges nicht mehr das Korn an die Wehrmacht liefern, so jedenfalls berichtete jetzt sein Schwiegersohn. Die Nazis verschleppten den Ungehorsamen ins KZ-Lager, in eine Filiale von Groß Rosen, wo er – nur 24-jährig – ums Leben kam.

 

Auf diese Weise holte der Krieg uns am ersten Abend unserer Reise ein. Und wir wagten uns kaum zu bewegen. Die Stimme des Pfarrers kletterte fortdauernd in die Höhe, während er das Opfer vor unseren Augen aus dem Jenseits hierher zerrte, in die kalte Luft des polnischen verfrühten Winters. Frau Raissa und ich übersetzten seine Rede zusammen: sie tat es knapp sachlich, mir überließ sie die Ergänzungen; ich bemühte mich jedes Wort genau wiederzugeben. Sie flüsterte mir später zu: „Meine Liebe, Sie verzetteln sich zu sehr in Details. Es reicht doch, wenn Sie die grobe Richtung einhalten“.  

 

Der Priester erhob seinen Arm, als ob er mit dieser Geste noch eine höhere Ebene erreichen wollte, und holte tief Atem für weitere Ausführungen. Diese Lücke nutzte der bärtige Matthäus, der seit einer Weile nervös von einem Fuß auf den anderen trat, und mahnte pietätlos und aufdringlich: Das Essen wird kalt.

 

Im Erdgeschoss, in einem schlichten schmucklosen Saal, nahm eine Reihe von Tischen den ganzen Platz ein. Reichlich gedeckt mit polnischem Kartoffelsalat, angemachten Gurken und Paprika, weißem Brot und heißem Tee. Nach wenigen Höflichkeiten verstummten die Gespräche. Nur ab und zu wollte jemand wissen, wie das auf Polnisch heißt, was er gerade verputzte.

 

Frau Raissa fragte nach Matuszka – dem Mütterchen, der Ehefrau des Pfarrers. Seine Antwort war lakonisch: „Auf ihrem Platz“. Er meinte damit eindeutig die Küche. In diesem Moment trug Matthäus mit zwei Aushilfen dampfende „golabki“, polnische Krautwickel, herein. Matuszka kam auch hinterher und lächelte uns selig an; den ganzen Abend lang mit derselben Gütigkeit.

 

Der Pfarrer breitete inzwischen die Zukunftspläne vor uns aus. Das alte Gebäude, wenn es endlich einmal fertig sein würde, sollte für diejenigen offen stehen, die die lauten Städte verlassen wollen. Die Konfession solle dabei keine Rolle spielen. „Aber hier herein kommen keine Muslime!“, grenzte Pfarrer Marian sofort ein. Seine Äußerung überraschte mich unangenehm, obwohl ich eigentlich auf eine Anmerkung dieser Sorte im Inneren gewartet hatte. Wann und wie sie auftreten würde, das hätte ich nicht vorhersagen können. Aber einem derartigen oder ähnlichen Ausrutscher war ich mir sicher.    

 

„Gibt es hier überhaupt irgendwelche Muslime?“, hätte ich fragen müssen. Warum grenzte er sich von etwas ab, was ihn nicht stören konnte, weil es hier nicht vorkommt? Seine Aussage war keineswegs eine Einladung zur Diskussion über Religionen; sie schloss jeglicher Unterhaltung darüber aus und diente nur einem Zweck. Er hätte auch Juden oder Buddhisten nennen können. Eigentlich egal, was für eine Gemeinschaft er genannt hätte. Es schien für ihn nur wichtig, sich abzugrenzen, mit dem Finger zu zeigen - der ist noch weniger wert als ich selbst. Dies fiel für mich eindeutig unter die Rubrik „der nationale Minderwertigkeitskomplex“. Wie behandelt man so was? Soll man dem ganzen Volk eine Kur verpassen?

 

„Zurzeit laufen hier Kunstkurse“, informierte Pfarrer Marian unbeirrt weiter und strahlte vor Stolz. Es wurden Ikonen unter der Anleitung von Matthäus gemalt. Er fertigte auch in der nahe gelegenen kleinen Kirche „Das jüngste Gericht“ an. Wir besichtigten später am Tage das Gebetshaus, das nicht größer als eine Kapelle war. Von der Decke schauten auf uns herab die schmächtigen Gesichter, die gleichen wie auf den gewöhnlichen Ikonen zu bewundern sind. Die Motive, aus den Ikonen bekannt, unterschieden sich im Grunde nicht wesentlich von den katholischen. Nur der Himmel darüber flimmerte stärker mit besonders schrillem Blau.

 

Zu seinem Arbeitsplatz musste Matthäus nicht weit laufen. An der Kirche klebte eine winzige Hütte, wo er wohnte: ein richtiges Hexenhäuschen, voll mit Büchern und seinen Gemälden gestopft, mit winzigen Fenstern und einer offen angelegten abenteuerlichen elektrischen Leitung. 

 

Matthäus sprach mit uns Deutsch. Unsicher, stockend, nach Worten suchend, aber – was mich wunderte – ohne Akzent.

 

-       „Haben Sie deutsche Vorfahren?“, fragte ich ihn nach dem Abendmahl in einem plötzlichen Einfall, weil er für mich auf einmal ganz deutsch aussah.

 

Worin bestand das deutsche Aussehen? Ohne nachzudenken wäre ich bereit, diese Frage zu beantworten. Eine solche Vorstellung hätte ich einfach aus meinem Speicher der schematischen Matrizen herausgeholt. Aus gleichem Speicher, die jeder von uns besitzt und ein Leben lang mit unterschiedlichem Material füttert: von Kinderreimen über Stammtischsprüche bis zum Erlernten in den Grenzen, die Schulen oder Unis vorgeben und erlauben. Wir übernehmen unsere Überzeugungen von den Nächsten und Fremden und halten sie für bare Münze. Auch wenn wir uns unser Wissen in Eigenregie aneignen, schützt uns nichts davor, die fremden Vorurteile auf diesem Wege uns zu Eigen zu machen. So selbständig wie wir uns es selbst vorstellen, sind wir gar nicht. Eigentlich bestehen wir nur aus einer Ansammlung der fortdauernd eingetrichterten Meinungen. Wir greifen auf sie später zurück, ohne den Inhalt auf seinen Wahrheitsgehalt zu überprüfen und beharren auf ihnen, wie Moses auf Gottes Gebote. So lassen wir in unserem Verstand das Unkraut wuchern; aus Bequemlichkeit, aus Angst, sich vom Rest der nahen Mitmenschen zu unterscheiden und damit den Anschluss und die Zugehörigkeit zu verlieren. Das ungute Gefühl, mit dem uns dafür unser Gewissen hin und wieder quält, nehmen wir fließend in Kauf und stehen es leicht durch, wie einen gemeinen Schnupfen.

 

Mein Bild von einem schematischen Deutschen sah also so aus: Etwas grober geschnitzt als zartgliedrige Polen, die Stimme dunkel - wie für mittelalterliche Ritterlieder bestimmt, und Augen, die keinen reinlassen. Im Allgemeinen: eine Gestalt, die einem Angst einjagt und bei der man hinter dem Rücken eher ein verstecktes Messer als eine Blume vermutet. Das Bild hatte ich aus kleinen Schnipseln in Erinnerung nur verschwommen aufbewahrter Sagen und Historien bis zu bewusst aufgenommenen literarischen und filmischen Darstellungen zusammengebastelt und mit den Kindheitsängsten belastet. Eigene viel spätere reale Begegnungen hatten dieses Bildnis nicht erschüttert; die landeten in einem anderen Regal.

 

Als ich Matthäus die Frage nach seinen Ahnen stellte, kam ich mir albern vor. Worüber ich stets klagte, wogegen ich beharrlich kämpfte, wenn es mich betraf, wandte ich im Nu ihm gegenüber an. In Deutschland musste ich sooft als eine Polin – oder auch abwertend Polakin - herhalten. Nicht als ein unverwechselbarer Mensch, nicht als Frau auf ihrem einzigartigen Wege. Im Ausland wird einem die Identität beraubt und die Nationalität eingraviert.

 

Und jetzt ertappte ich mich soeben bei einer verwerflichen Spekulation: das Äußere als Kriterium zu benutzen. Die Vielfalt durch die nie existierende Einfalt zu ersetzen. Gibt es einen deutschen Typ? Und einen polnischen? Was ist denn schon typisch?

 

-       „Ja. Mein Ur-, Uropa kam mit dem König August von Sachsen nach Polen“, beantwortete Matthäus meine Frage. Na bitte, ich habe es doch getroffen.

 

Sein deutscher Vorfahre ließ sich in Warschau nieder, stellte Spiegel her und gelangte so zu Reichtum. Als er in der Ukraine, die damals polnisch war, Boden kaufte, erreichte ihn die Nachricht vom Tode des Königs. Er eilte zum Begräbnis. Ein Beweis, dass er dem König nahe gestanden hatte, so schilderte diese Umstände Matthäus und seine Augen glänzten vom Glanz der alten Zeiten.

 

-       „Wollten Sie nicht nach Deutschland ausreisen?“, die Frage ist mir einfach ausgerutscht. Sie rief ein Lächeln auf seinen Lippen hervor.

-       „Vor Jahren, als alle von hier flüchten wollten, ja. Aber jetzt… – er legte eine Pause ein, nach einer plausiblen Erklärung suchend, danach fuhr er dozierend weiter – Jetzt kann ich überall hinfahren und Wien ist von hier aus näher als Warschau“.

 

Ich nickte, obwohl er mich nicht überzeugen konnte. Es ging doch auch heute nicht nur um die Entfernung. Matthäus blickte auf einmal ganz aufgeweckt und ergänzte seine Herkunftsgeschichte mit einem Eingeständnis, das alles erklären sollte:

 

-       „Zwei Drittel meines Blutes sind Deutsch. Meine Mutter ist eine Deutsche. Mein Vater ist aber ein Pole. Und das einzig überwog. Ich bin ein Pole“.

 

Dabei durchbohrte er mich angestrengt, als wenn er fragen wollte: „Und wer bist du?“. Oder schätzte er lediglich ein, wie viel ich erbringen könnte und ob es sich mit mir zu sprechen lohnte. Vielleicht tat ich ihm Unrecht. Dennoch etwas in seinem Blick und in seiner Stimme bekräftigte diesen Verdacht und entzauberte die vorgetäuschte Offenheit. Das Gespräch stolperte, konnte sich nicht richtig entwickeln und brach endgültig ab, als Matthäus bemerkte, wie sorgfältig ich die Preise auf den zum Verkauf ausgestellten Karten studierte.

 

Ich kannte diese Erwartungshaltung nach einer Unterstützung, sobald sich herausgestellt hatte, von welcher Seite der Grenze einer stammt. Eine Unterstützung finanzieller Art, selbstverständlich. Es stimmte auch im Allgemeinen, dass die aus dem Westen Kommenden meinen stets bedürftigen Landsleuten im Durchschnitt hoch überlegen waren. Wir gehörten zwei verschiedenen Welten an. In der Tat zwei ökonomischen Welten. Und die eine verstand die andere kaum. Dabei geht es nicht um die Kultur, wie es die westliche Seite oft behauptet, sondern um den eng geschnürten Gürtel des Alltags und den Blick nach unten vor die Füße, weil man mehr nicht wagt.

 

Folglich war diese Gastfreundschaft natürlich nicht so heil und selbstlos, wie sie zuerst aussah. Von den eigenhändig gemalten Ikonen, die uns Matthäus später anbot, bis zum Umschlag, der am letzten Abend den Tisch umkreiste, und sich mit Scheinen auffüllte, hat sich für die Geistlichen unser Besuch gewiss rentiert. Ihre Bedürfnisse wurden jedoch keineswegs gestillt. Und egal wie viel man gab, es war immer zu wenig. Wir bewegten uns noch auf der untersten Ebene der Bedürfnisse. Nicht zu vergessen: Es drehten sich immer noch die Räder und Rädchen des alten Mechanismus, das wie ein niemals sattes schwarzes Loch alle Mittel und Bemühungen restlos schluckte, sodass man glauben musste, hier wird sich nie etwas ändern.  

 

 

Im Hotelzimmer kamen wir sehr spät an. Franz planschte kurz am Waschbecken und kroch rasch ins Bett. Ich stieg noch unter die Dusche im winzigen Bad. Erfüllt von den vertrauten Eindrücken konnte ich nicht wie auf Knopfdruck abschalten. Ich führte eine Abrechnung durch. Mit mir selbst, mit der Vergangenheit, mit meinem Geburtsland. Hierher zu kommen, bedeutete jedes Mal die Geister zu wecken und Fragen aufzuwerfen. Eine stellte ich mir andauernd: Was wäre aus mir hier geworden? Diese Frage drehte ich ständig wie eine Münze um. Auf der anderen Seite stand: Habe ich das Recht gehabt, meine Heimat zu verlassen? Muss ich mich als eine Verräterin verstehen? Und was soll mein Verrat sein? Wem schuldete ich mehr: mir selbst oder der Gemeinschaft? Ist die Heimat eine lebenslange Pflicht oder eine liebende Mutter, die wir verlassen dürfen, weil wir sie nie aufhören zu lieben? Was ist eigentlich Heimat?

 

Meine Eltern sind im Osten des Landes geboren. Die Mutter an der Grenze zur Ukraine, der Vater auf dem litauischen Gebiet, das damals zu Polen gehörte. Von dort kam er in Mutters Städtchen. Sie zogen nach der Heirat und meiner Geburt von der weitesten südöstlich gelegenen Ecke nach Westen, in das alte Polen um Posen herum. Ich ging nach der Schule noch weiter nach Wroclaw (Breslau) studieren. In dieser Stadt, mit vielen deutschen Spuren, gründete ich eine Familie. Ein Schicksal wie viele in dem vom Krieg aufgewirbelten Land, wo kaum eine Familie zu finden ist, die nicht zerrissen worden wäre. Dann kam ich nach Deutschland.

 

Ich schaltete ein kleines rauschendes Radio an, nur um der Sprache zuzuhören, drehte auf der Skala hin und her über alle möglichen Musiksender nach einer sprechenden Stimme suchend und geriet zu Verkehrsmeldungen. Es war mir egal, worüber sie dort erzählt haben. Ich wollte den polnischen Klang hören. Die Sprache strömte in mich hinein und weckte Sehnsüchte. Was wollte ich eigentlich?

 

Ich setzte mich auf die Decke. Die schmalen Betten hat man an die Wände gestellt, dazwischen zwei kleine Nachtschränke. Erst jetzt fiel mir auf, dass wir zwei getrennte Liegen hatten. Ich schüttelte den Kopf und wunderte mich über mich selbst, dass ich es so spät wahrnahm. Als wir unser Gepäck abgestellt hatten, warf ich kurz einen Blick auf die Ausstattung und bemerkte nichts „Verdächtiges“. Über den Grund für diese Blendung musste ich nicht viel überlegen. Ich verstand uns nicht mehr als eine Einigkeit. Zuhause stand zwar ein breites Ehebett, wir schliefen dennoch in diesem gemeinsamen Bett weit voneinander entfernt. Versteht sich, am Anfang unsere Beziehung sah das anders aus. Wie zwei Schiffsbrüchige, verloren im feindlichen Ozean, umarmten wir uns fest und schöpften Kraft und Wärme voneinander. Wenn wir im Schlaf abdrifteten, wachten wir gleich auf und rückten sofort zusammen, wie aus Angst allein zu versinken. Ich sah in ihm einen Gestrandeten, wie ich es selbst war, und glaubte, das gleiche zu fühlen und zu sehen. Damals lebten wir auf einer Insel und die Welt verschwand in der Weite. Wir, zwei Verbündete und Verschworene, schmolzen zusammen. Alles, was zu diesem Gefühl und diesem Bild von uns nicht passte, ließ ich außer Acht.

 

Ab und zu ergriff mich die Furcht, und raubte mir den Atem, ich würde an einem Morgen meine Augen aufschlagen und ihn nicht mehr neben mir sehen. „Liebst du mich?“, flüsterte ich dann aufdringlich in der Dunkelheit. Wenn er darauf nicht antwortete, rüttelte ich ihn anhaltend, bis die rettende Losung „Ich liebe dich“ folgte.

 

Den Zeitpunkt, wann wir unsere Insel verlassen und uns aus den engen, fast krampfhaften Umschlingungen losgelöst hatten, konnte ich nicht nennen. Es geschah irgendwann wie von selbst. Wir wurden unachtsamer und bequemer. Die Faulheit des Glückes schläferte unsere Sinne ein, sodass wir nicht mehr die Gefahren witterten und die Raubtiere auf unseren Wegen übersahen. Wir lebten die scheinbare Sicherheit aus. Und unweigerlich entfernten wir uns voneinander. Aus dieser Entfernung fiel es leichter, einen Streit anzufangen. Dann einen zweiten. Noch einen. Bis sich viele verletzende Wörter, aus deren wir Waffen fertigten, anhäuften. Mit ihnen stichelten wir uns gegenseitig tief und schmerzlich, bis einer ausgeflippt war. Aus den einzelnen Fällen entstanden Rituale, die wir mit der Beharrlichkeit der Süchtigen pflegten. Wir lernten, Wörter ganz gezielt zu nutzen, nachdem wir unsere wunden Stellen mit dem Eifer der tüchtigen Forscher erkannt hatten. Auf dem Schlachtfeld unserer Liebe kannten wir keine Gnade. Bezahlten wir somit den höchsten Preis für die anfänglich zu große Nähe?

 

Währenddessen habe ich nie aufgehört, mich nach seiner Wärme zu sehnen.   

 

Franz begann laut zu schnarchen. Er übertönte mühelos das Radio. Sein Sägen erreichte solch eine Lautstärke, dass es bestimmt durch die dünnen Zwischenwände in die benachbarten Zimmer eindrang. Ich pfiff, rief ihn, beugte mich vor und zog an der Decke. Es half nichts. Er versank in einem schweren Schlaf nach dem abwechslungsreichen Tag und reagierte auf meine Versuche überhaupt nicht. Schließlich schleuderte ich genervt einen Latschen nach ihm. Es war seiner, weil ich meine zu Hause in Deutschland vergessen hatte.

 

 

 

*

 

 

 

Am nächsten Morgen fuhren wir durch Walbrzych (Waldenberg) nach Groß Rosen, am Dworzec Miasto (Bahnhof-Stadt) vorbei, wo ich früher immer aus- und eingestiegen war, als ich meine Großeltern besuchte. Die Stadt hat sich an dieser Strecke kaum verändert. Wie verzweifelt klammerten sich verkrümmte Häuser an die steilen Hügel und dümpelten vor sich hin. Rachitische Bäume in winzigen Gärten reckten sich kraftlos nach der Sonne. Die strahlte hier ohne Lust. Der Bahnhof selbst erhob sich über die Umgebung, wie ein kleiner runder Kopf. Und erstarrte trübsinnig. Ich kam und ging oft hierher, er wurde mir nie vertraut. Sein Geruch war das einzige, was mir in Erinnerung geblieben ist. Der Geruch der polnischen Bahnhöfe… Zwischen einem Krankenhaus und einer Müllhalde. Der Geruch, der sich rein in die Haut und in die Gedanken frisst. Und nicht loslässt.

 

Die roten Stadtbusse waren auch die gleichen. Alt, klapprig, laut. In ihnen saßen vor Jahren junge Männer mit schwarz umringten Augen und zogen meine Blicke an. Wie geschminkt sahen sie aus. Der Grund dafür war aber trivial. Die schwarze Kohle, die sie unter Tage gefördert hatten, biss sich in ihre Haut fest ein. Sie saßen schweigsam, wie die anderen Passagiere. Wie ich auf dem Wege zu den Großeltern, die in einem Häuschen mit Garten wohnten. Ich verweilte hier nur als Gast und kannte kaum jemanden. Darin hat sich auch nichts geändert.

 

 

In Groß Rosen schickte man unsere Gruppe in einen gemütlichen Saal. Ich wartete davor auf jemanden, der uns im Lager führen sollte. Er kam nach wenigen Minuten - ein großer Junge, der aber nicht antwortete, als ich ihn ansprach. Ich versuchte es noch einmal, etwas lauter. Er erwiderte auf Deutsch. „Angeber“, dachte ich und fuhr auf Polnisch weiter. Auf einmal begriff ich:

 

-       „Sie sind ja kein Pole!“, rief ich ihm auf Deutsch zu.

-       „Stimmt“, er schaute mich flüchtig an.

-       „Wo kommen Sie her in Deutschland?“, bohrte ich weiter.

-       „Ich bin kein Deutscher“.

-       „Nein? Woher kommen Sie denn?“.

-       „Aus Österreich“.

-       „Was macht ein Österreicher in Polen in einem ehemaligen Konzentrationslager?“

-       „Zivildienst“. Er drehte sich um, betrat den Saal, legte eine Videokassette ein, stellte den Ton an und ging zur Türe.

 

Wir hatten an der Pforte eine billigere kurze Version bezahlt. Einer von den Häftlingen erinnerte sich darin, wie er, durch Sowjets befreit, zum ersten Mal den zweiten Stock seiner Baracke besichtigte. Solange er als Häftling dort vegetierte, hatte er es niemals getan. Nach oben verbannte man diejenigen, die nicht mehr arbeiten konnten. Als erstes wurden ihnen die Kleider abgenommen; für die nächsten, die ins Lager kamen. Sie lagen nackt auf den Pritschen. Abgemagert bis zum Skelett. Auf dem Boden eine dicke Schicht von Kot und Urin. Und Leichen. Der sowjetische Soldat, der den Häftling begleitete, hielt den Anblick nicht aus. Er musste sich übergeben.

 

-       „Ich glaube nicht – erklärte der Häftling – dass einer von ihnen überlebt hat. Obwohl man alle sofort ins Krankenhaus eingeliefert hatte“.

 

Die schwarz-weißen Photos der Vergangenheit wirkten unrealistisch, aber auch die bunte, sonnendurchflutete Gegenwart passte nicht zu dem Bericht über das Lager. Ein anderer ehemaliger Häftling, ergraut und verrunzelt, schaute ruhig in die Kamera; das Grün wucherte im Hintergrund und die Sonne strahlte sommerlich:

 

-       „Ich kann vergeben – sagte er langsam – aber vergessen werde ich nie“.

 

Vergeben, aber nicht vergessen. Wie oft habe ich das schon gehört. Zum Vergeben sind wir Christen, wenn wir unseren Glauben ernst nehmen, doch verdonnert. Vergeben, aber nicht vergessen. Dieses ziemlich abgedroschene Motto, nicht selten mit grobem Pathos aufgetragen, blieb mir jetzt im Halse stecken und zwang mich zum Weinen. Die Tränen flossen über meine Wangen; ich bewegte mich nicht und hoffte, dass mich niemand anschaut, weil ich mir mit meinen Gefühlen ganz nackt vorkam. Diese Nacktheit erschien mir schlimmer, als wenn ich meine Kleider runter gelassen hätte und so vor den anderen herum gesprungen wäre. Ich habe mich in meiner Schwäche ertappen lassen. Auf dieser Art wollte ich mich nicht entblößen. Deswegen atmete ich tief und versuchte mich zu fassen. Das Weinen ging jedoch in ein lautes Schluchzen über. Ich stürzte aus dem Saal hinaus und setzte mich allein in den Flur. Jetzt aber reicht’s. Was soll das? Nimm dich endlich zusammen, forderte ich mich auf.

 

Was war mit mir los? Da sah ich die Bilder der Grausamkeiten und es passierte nichts. Ich weinte nicht. Niemand von uns weinte. Aber nach einer harmlosen Aussage, war ich nicht mehr in der Lage, mich zu beruhigen. Die Gräuel, die man auf diesem Platz mit einer fast gleichgültigen Gewissheit erwartet hatte, ertrug ich leichter, als die unangebrachte – in dieser Minute hätte ich nur nach Rache schreien können - Bereitschaft zum Vergeben. Wie leicht schien dem überlebenden Häftling die Vergebung über die Lippen zu gehen.

 

Ich blieb im Flur. Als die Gruppe aus dem Saal rausströmte, waren meine Augen noch kräftig gerötet aber trocken. Ich begegnete den fragenden Blicken gefasst und schwieg. Niemand sprach mich zu diesem Vorfall an. Und ich glaubte nicht, dass ich eine Erklärung schuldigte.  

 

Über das Lager legte sich Stille. In einer von den verbliebenen Baracken versuchten wir uns, zusammen mit Carl Bartok, dem österreichischen Zivi, ein Bild vom Leben hier zu machen. Ivon fragte, ob man die Baracken beheizt hatte. Ich verneinte instinktiv.

 

-       „Doch!“ – korrigierte Carl Bartok – hier vorne stand ein kleiner Ofen“.

 

Ein Ofen. Ein Requisit aus einer ganz anderen Realität. Ein Ofen wie eine Erinnerung an Zuhause. Es fiel mir nicht schwer, solch einen kleinen Ofen mir auszumalen. Ich hörte das Knistern des Feuers und fühlte die Wärme an meinen Händen. Aber mehr sah ich nicht. Meine Vorstellungskraft reichte nicht aus, um die Baracken mit Häftlingen aufzufüllen. Ich konnte mir kein Bild davon machen, wie es war, als der Stacheldraht damals die Grenzen hier markierte und Menschen zu Nummern schrumpften. 

 

Das Lager Groß Rosen gehörte zu den größten im „Altreich“. Es war ein Ort der Zwangsarbeit und eine Hinrichtungsstätte, ein Umschlagplatz für die Transporte aus anderen Lagern und ein Ort des Massensterbens. Es entstand in der Nähe des Dorfes Groß Rosen (heute Rogoznica) neben einem Steinbruch, wo die Häftlinge eingesetzt wurden, um den schlesischen Granit für die monumentalen architektonischen Projekte Hitlers abzubauen.

 

Im Dorf nebenan wohnten um die Zweitausend Menschen, die von Anhöhen aus auf das Gelände und Geschehen im Lager blicken konnten. Zu der Ortschaft führte eine Eisenbahnlinie. Die Häftlinge stiegen dort aus. Das Lager erreichten sie in wenigen Minuten zu Fuß; dabei marschierten sie durch das Dorf.

 

Für sein junges Alter wusste Carl Bartok sehr viel, nicht nur über das Lager, auch über das Nazi-System. Er gehörte in Wien einem ähnlichen Verein an, wie der von Heinrich gegründete. Die beiden hatten auch viel miteinander zu bereden. Unsere Gruppe folgte ihnen im Schlepptau. Ich klebte an deren Rücken und lauschte ihrem Dialog. Aus dem ausführlichen Fluss mit ruhiger Stimme vorgetragen fischte ich das Wort „Weberei“ und erkundigte mich nach Frauen im Lager.

 

-       „Es gab keine“, lautete die karge Antwort.

-       „Sie haben doch über eine eigene Webereistube hier erzählt. Haben dort nicht Frauen gearbeitet?“

-       „Nein. Hier gab es keine Frauen“, schnitt er ab.

 

Später erwähnte er, dass das Lager unter Nazis nicht beliebt war. Vielleicht eben deswegen, weil man sich hier nicht „amüsieren“ konnte. Darum bemühten sich die angestellten Henker so oft wie möglich, den Ort zu verlassen und in den Urlaub zu fahren. Die außerordentlichen Verdienste garantierten sofort diese Art von Belohnung. Zum Beispiel das Erschießen eines Häftlings auf der Flucht. Die meist in den Statistiken angegebene Todesursache lautete eben: „Erschossen auf der Flucht“. Für so eine Tat bekam dann der erfolgreiche SS-Mann ein paar Tage Urlaub. Wer glaubt, dass die Häftlinge unaufhörlich in die Freiheit ausbrachen, irrt jedoch. Es lief anders ab: der Scherge warf zum Beispiel eine Münze hinter die verbotene Grenzlinie und befahl dem Häftling, sie zu holen. Dann schoss er auf den „Flüchtenden“.

 

Das Lager begingen wir sehr langsam. Vor jeder Baracke blieben wir stehen und horchten den Ausführungen aufmerksam, konzentriert, bestrebt jedes Wort aufzunehmen. Die sonst verschlafene Lena forschte geduldig nach Details aus dem Lageralltag, wie man sich über das Leben in fremden Ländern erkundigt: Was aßen die Häftlinge, was trugen sie?

 

Die verbliebenen Baracken geben keinen Eindruck von der Größe des Lagers. Es musste groß gewesen sein, weil es ständig weiter ausgebaut wurde. Als dies dann auch nicht mehr genügte, errichtete man Unterlager. Eines nach dem anderen. Hunderte von Unterlagern. Vor einem halben Jahrhundert herrschten hier überall Wächtertürme und Stacheldraht.

 

Am pompösen Denkmal mit zahlreichen Namenstafeln der vielen von Häftlingen vertretenen Nationen stellten wir uns zu einem Photo zusammen. Wie das üblich ist, bei einem Urlaubsbild am heißen Strand oder während einer gewöhnlichen Stadtbesichtigung. Wir grinsten in die Kamera friedlich und fröhlich, wo einst die Opfer in der Hölle auf Erden steckten. Wie kann man ihrer gedenken?

 

Carl Bartok verließ uns für einen Augenblick, um einen Schlüssel zu holen. Den Schlüssel zu einer kleinen verrosteten Pforte, die den Weg zum Steinbruch versperrte. Wir warteten eng gerückt; der Wind sauste durch die Gassen. Ich stellte den Kragen hoch und steckte meine Hände in die Taschen von der Jacke. Es fror mich.

 

Die eiserne Türe kreischte, während wir uns durch sie zwängten, auf dem gleichen Wege, den die Häftlinge betraten. Der Steinbruch klaffte vor uns tief, seine Wände hoben sich steil empor. Die Häftlinge, mit schweren Brocken beladen, mussten sie erklimmen. Sie malochten für das Deutsche Reich, das ewig herrschen sollte. Sie malochten für ihren eigenen Tod.

 

Nach dem Krieg bauten die Polen über Jahre den Granit weiter ab, ohne Rücksicht auf die hiesige Geschichte. Bis die Proteste so laut wurden, dass man sie nicht mehr ignorieren konnte.

 

 

Im Lager verweilten wir länger als geplant, deswegen schlug Heinrich vor, dass wir in der Nähe eine Kneipe für das Mittagsessen aufsuchen. Er fragte Carl Bartok, ob der nicht eine wüsste. Natürlich, und er wird sie uns gerne zeigen. Er fuhr voraus und unser Bus folgte seinem grünen Mazda. Der Österreicher wies den Deutschen in Polen den Weg, mit einer erfreulichen Selbstverständlichkeit.  

 

Auf diesem Wege schritten zu Fuß die Häftlinge. Sie kamen hierher mit dem Zug und stiegen am Bahnhof in Groß Rosen aus. Dann mussten sie sich unter Gebrüll aufstellen, zu fünft in einer Reihe. Die Waggons, die sie hierher gebracht hatten, waren nicht für die Menschen, sondern für die Gütertransporte gedacht. Eingepfercht wie Vieh durften sie nicht viel von der Zukunft erwarten. Dennoch hielten sie ihre Habseligkeiten fest umklammert und glaubten, dass sie diese Sachen noch nutzen würden.  

 

Dann traten sie ihren Marsch an, bis zu dem ein paar Kilometer entfernten Lager. Links und rechts wachten über sie SS-Männer mit Maschinengewehren. Hinter den Gardinen, am Bürgersteig, aus den Häusern und Geschäften folgten ihnen die aufmerksamen Augen der Deutschen. Die Kolonne rollte an Menschen vorbei, die nicht zweifeln wollten, dass sich’s so gehört. Glaubten sie wirklich, dass die Häftlinge keine vollwertigen Menschen waren? Dachten sie darüber nach? Sie beobachteten die Todgeweihten vom Rande der Straße. Sie waren dabei. Daher konnten sie später nicht behaupten, dass sie nichts gewusst hätten. Die Häftlinge liefen vor ihren Augen. Die Anwohner mussten ihnen zusehen. Wie hatten sie ihr Gewissen beruhigt?  

 

Die Menschen am Bahnhof noch bunt und verschieden, flossen ins Lager ein, in den streng organisierten Ablauf, und wurden zur grauen Masse. Das Individuelle vernichtete man zuerst. Auf Kommando stand man auf, stellte sich auf den Appellplatz. Wehe, wenn einer dabei fehlte – nur in diesem Falle erlangte der Einzelne eine Bedeutung – dafür wurden alle anderen grausam bestraft.

 

Mit ihren eigenen Sachen sollten die Häftlinge auch ihre einmalige Persönlichkeit abgeben. Im Lager wurden sie zu Nummern degradiert. Beraubt von allem Menschlichen hatten sie zu funktionieren. So lange sie funktionierten, durften sie leben.

 

Zum Essen bekamen sie eine Ration – etwas Brot, eine Flüssigkeit, nicht unbedingt essbar - und gingen zur Arbeit und wussten nicht, ob sie zurückkehren würden.

 

Die Nazis investierten nicht viel in die Sklaven-Arbeitskräfte: in einfachen Baracken, aufgereiht wie in einer Kaserne, brachten sie die Häftlinge unter, dicht über- und nebeneinander. Es gab gerade so viel Platz, wie ein ausgehungerter Körper einnehmen konnte. Gestreifte Fetzen dienten als Kleider; Lappen als Decken.

 

Und die Maschinerie lief tagein, tagaus. Nur ein einziges Problem stand im Wege. Ein technisches Problem: was soll man mit den vielen Leichen machen. Zügig wurde daher ein Krematorium gestellt. Der Rauch stieg aus dem Kamin hoch und blieb am Himmel wie angenagelt. In dieser Fabrik des Sterbens waren der Tod und die Beseitigung seiner Spuren eine logistische Herausforderung, die zu lösen stand und die gründlich gelöst wurde. Die Häftlinge hatten zwei Aufgaben zu erfüllen: arbeiten und sterben. Trotzdem klammerten sie fest am Leben. Sie wollten weiter leben. Am Morgen aufwachen und die Welt anschauen. Leben und hoffen, dass es nach der Apokalypse eine Zukunft gibt.

 

 

 

 

*

 

 

 

Carl Bartok führte uns in ein nicht weit entferntes Städtchen Strzegom zu einem gemütlichen Lokal im ersten Stockwerk eines schmucklosen Hauses. Vom Parkplatz aus ging ich an seiner Seite und staunend hörte ich ihn Polnisch sprechen.

 

-       „Seit einem Jahr lerne ich die Sprache“, gestand er.

-       „Sie sprechen wirklich gut“, lobte ich und hakte nach: „Lernen Sie in einem Kurs?“

-       „Nein, nur so von den Menschen. Ich lese auch polnische Zeitungen und höre das Radio“, referierte er bereitwillig.   

 

Ich schaute zu ihm auf und fragte mich, warum er mich im Lager nicht verstehen wollte. Sein auf einmal offenes Gesicht strahlte soviel Zuversicht und Frohmut, dass ich es nicht geschafft hatte, diese Frage laut zu stellen.

 

Er wusste bescheid, dass auf ihn eine deutsche Gruppe wartet. Dann traf er auf mich und auf die Sprache der Opfer. Er hat mich vom ersten Laut an verstanden und sich doch geweigert, dort im Lager auf Polnisch zu antworten. Wovor fürchtete er sich? Dass er damit auf die falsche Seite geraten würde?

 

Eine junge fesche Kellnerin begrüßte ihn, wie einen guten Bekannten. Ich vermutete, dass er hier ein Stammgast war. Diese Art der Vertrautheit stellt sich erst nach vielen Begegnungen ein. Die Kellnerin fing zu balzen an. Am ihn vorbei lief sie besonders leicht. Ihre Blicke trafen sich ständig und ließen nur für kurze Momente voneinander los. Als sie seine Stimme hörte, wandte sie sich ihm ganz zu. Jede von seinen Äußerungen zog ihre Aufmerksamkeit vollkommen auf sich; alles andere schien im Schatten zu schwinden. Über uns streifte sie unachtsam und ein wenig zerstreut.

 

Er schaute sie durchdringend an, als ob es im Saal keine andere Frau gäbe. Währenddessen erhellte sich sein Gesicht. Er lächelte sie an. Sein Lächeln spiegelte sich sogleich in ihren Zügen wider. Und sowohl sie als auch er versuchten, ihr Lächeln zu verbergen, wie das die frisch Verliebten tun, um ihre junge Liebe zu schützen. Mein Blick schnellte von ihr zu ihm. Ich glotzte sie mit unverschämter Neugierde an; sie nahmen davon keine Notiz. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Sie sprachen sich mit allen Sinnen an; für die Zuschauer gab es dazwischen keinen Platz.

 

Laute Zurufe aus unserer Gruppe, das Menü endlich zu übersetzen, rüttelten mich auf. Ich beugte mich über die Karte und dachte, dass sich Carl im Krieg solche Liebeleien hätte nicht erlauben können. Er aus der Herrenrasse und sie - eine Sklavin – hätten sich nicht paaren dürfen. Darauf stand die Todesstrafe, um die Reinheit dieser Rasse, die nie rein war, zu gewähren.

 

Ich selbst erfasste mich in diesem Gedankenspiel nicht. Wie über die Schulter warf ich einen Blick zurück, unfähig, mich allein in diese Vergangenheit zu versetzen. Dass ich mich raus genommen hatte, fiel mir erst später am Abend auf. Ich wäre doch keine Zuschauerin gewesen. Ich wäre direkt betroffen. Ich hätte den Untermenschen angehört. Und unsere Beziehung – von Franz und mir - wäre damals nicht möglich. Wir, Franz und ich, hätten dadurch das Recht der Mörder gebrochen und wären von ihnen mit dem Tode bestraft worden. Ich übersah also den entscheidenden Umstand, wie dies diejenigen tun, die bei Betrachtung eines sich nähernden Unheils, die Katastrophe nicht auf sich selbst beziehen wollen, bis diese auf sie stürzt.     

 

Mit dem Menüheft in der Hand rief ich auf Deutsch die aufgelisteten Gerichte, unterstützt von Frau Raissa und auch von Carl, der sich schon sehr gut auskannte, und meditierte fort auf dem eingeschlagenen Pfade: Wie viel von diesen Ideen sind in den Köpfen der Nachkommen hängen geblieben? Diese Einbildungen verschwanden doch nicht von heute auf morgen, indem ein paar von den größten Nazi-Mördern hingerichtet wurden. Die Männer, die Frauen und die Kinder, getrimmt in der Treue für den Führer, wurden zu Eltern und Großeltern. Sie verabschiedeten sich nach dem Krieg nicht sogleich von dem eingebrannten Gedankengut. Mit Absicht oder unbewusst gaben sie manches an ihre Nachkommen weiter. Wie viele von den Ottonormalverbrauchern, und keinen verbissenen Neo-Nazis, frönen also immer noch der Überzeugung, dass die Zugehörigkeit zu der deutschen Rasse ein Grund wäre, sich gegenüber den anderen überlegen zu fühlen? 

 

Am Abend saßen wir in unserem „Paradies“ an den zusammengerückten Tischen. Die Stimmung steigerte sich von Minute zu Minute. Der Wodka in den Flaschen nahm genauso schnell ab. Niemand am Tisch sprach über das Lager. Als ob sich alle darauf geeinigt hätten, fiel kein Wort darüber, was wir dort gesehen und gehört haben. Wie mit einem sauberen Messerschnitt trennten wir uns von dem Gräuel und schwiegen darüber, wie von Angst verfolgt, sich mit den Opfern auseinandersetzen zu müssen.

 

Im Krieg hätte ich zu ihnen gehört. Ich wäre ein Opfer gewesen. Und die Deutschen, mit denen ich eben das Lager besucht hatte? Was wäre damals aus diesen Menschen geworden? Täter oder Mittäter und Mitwisser? Wir hätten uns auf zwei Seiten gegenüber gestanden: das Herrenvolk und die Sklavin, zugeordnet nach einem einfachen bürokratischen und rassistischen Prinzip. Dem Blutprinzip. Danach wäre die Entscheidung zwischen Leben und Tod gefallen. Das Deutsche vom Polnischen klar getrennt. Was nur auf dem Papier einfach aussieht. Diese Klarheit gab es doch in Wirklichkeit nie. Weder in der Vergangenheit noch in der Gegenwart.

 

Das Leben fühlte sich so gut an: Gemütlich beisammensitzen und laut lachen, dass es in den Ohren läutet. Lachen über einen polnischen Zungenbrecher, den Frau Raissa auf einen Zettel geschrieben hatte und in die Runde schickte, ohne ihn vorher vorzulesen: Chrzaszcz brzmi w trzcinie w Szczebrzeszynie. Bis zum Weinen lachen, über so viel Phantasie in der Artikulation eines solch kurzen Satzes. Lachen so ansteckend, dass ein Pole von einem weiteren Tisch, kurz vorm Ersticken, hochsprang und den Zungenbrecher unter jaulendem Beifall herausbrüllte.

 

Wie weit weg jetzt von uns das Lager in der windigen Stille ruhte. Dort sprachen wir wenig und leise. Wie vom angesammelten Leid erdrückt. Das Lager ließen wir in der Ferne, mit seiner Stille, schwer wie die Steine im Steinbruch. Und mit seinen anonymen Toten, die für uns weder Namen noch Gesichter hatten.

 

Das Leben fühlte sich so gut an: Also, Prost! Ich wollte keinen Wodka trinken. Mir schmeckte viel besser das deutsche Bier. „Was für eine Polin bis Du!“, schrie Felix empört. Heinrich pflichtete ihm bei. Ja, was für eine?

 

Ich hatte mich auf diese Reise gefreut und in gleichem Maße sie gefürchtet. Gefreut, weil mich die Sehnsucht auffraß. Solch eine Sehnsucht, dass ich winseln konnte, wie ein Hund. Wonach? Ich glaube, nach Sprache. Nach Polnischem. Manchmal dachte ich: Noch ein Wort auf Deutsch und mein Kopf explodiert. In die deutschen Sätze musste ich mich genau hineinhorchen. Als ob in mir ein ständiger Alarm andauerte. Auf Polnisch reicht ein Zeichen, ein Ton, oder ein Schatten des Tons und die Bedeutung steht offen. Ohne meine Bemühungen. Deutsch rief mich dagegen zur ständigen „Hab-Acht-Haltung“.

 

Die Sprache ist es, die uns von Geburt an gefangen hält. Sie ist wie die Nahrung und die Luft, wie die Stimme der Mutter. Über die ersten Worte stolpern wir schon, bevor wir uns auf die Beine stellen können. Wir wachsen in ihr auf. Und sie wächst in uns ein. Zwischen einer Offenbarung und einem Missverständnis verrät sie uns genauso viel, wie sie vor uns verbirgt. Sie wird zu einem unverständlichen Geräuschestrom für die Außenstehenden und lässt sie draußen vor. Den Eingeweihten öffnet sie die Türe vom Zuhause. In ihr denken wir und schreien, verfluchen und beschwören. Sie kann verletzen, tiefer als jede Waffe, und sie kann zurück ins Leben holen. 

 

Die Sprache war für mich eine Zuflucht. Die polnische natürlich. Wenn ich jemals irgendwo angehört hatte, war das nur die Zugehörigkeit zur Sprache. Sie war meine Heimat. Und ich habe sie verlassen. „Warum?“ ergründeten Felix und Heinrich. Ja, sie haben diese Frage, die ich am meisten gefürchtet habe, eben gestellt. Warum? Warum bin ich ausgereist? Gibt es einen Grund, der diese Entscheidung rechtfertig? Muss ich mich rechtfertigen?

 

-       „Ich will darüber nicht reden“, meine Wangen glühten rot, während ich antwortete.

-       „Du wirst darüber sprechen müssen“, erwiderte Felix.

 

„Sprechen müssen“? Wer sollte mich dazu zwingen? Was meinte er damit? Ich stand vom Tisch auf und ging zu Frau Danuta, der Chefin des Hotels. Sie hatte speziell für uns den Wodka besorgt; im Hotel verkaufte sie keinen Alkohol. Viel zu viel hätte sie für die Schankgenehmigung bezahlen müssen.

 

-       „Wo wart ihr heute?“, ihre Frage gehörte bestimmt zu der Kategorie: das höfliche Anbandeln des Gespräches.

 

So eine Frage, auf die man beiläufig antwortet, wenn man über die belanglosen Tagesgeschäfte plaudert: „Heute war ich auf dem Markt, oder beim Friseur, oder im Cafe“. Nichts besonderes, was sich eben Menschen gewöhnlich erzählen. Zwischen Tür und Angel, irgendwo vor einem Laden oder zusammensitzend auf der Terrasse, im Biergarten. Wenn man sich zufällig oder wie auch immer trifft. Auf der Straße, auf dem Flur, im Bus. Man erkundigt sich freundlich: „Wo waren Sie im Urlaub?“. Und bekommt meist das Übliche zu hören: „Auf Mallorca oder Sylt, in Griechenland oder im Schwarzwald“. Einmal Mallorca und zurück. Zurück zum Alltag, der schnell vergessen lässt, das Langweilige und das Aufregende; der die Eindrücke verwässert und die Farben verwischt.

 

-       „Wo wart ihr heute?“

-       „In Groß Rosen“, antwortete ich kurz. Als ob der Name alles selbst erklären könnte. Der deutsche Name, den das Lager für ewig trägt. Wie ein Tor in eine andere Wirklichkeit.

-        „Wo ist das?“, wollte Frau Danuta wissen.

Und ich gab ihr die Auskunft, wie man es tut, um den Weg zu weisen:

-       „Nicht weit weg von hier, bei Rogoznica“.

Ich hakte noch nach, obwohl die Antwort doch bereits in der Frage von Frau Danuta steckte:

-       „Haben Sie das KZ-Lager noch nicht gesehen?“

Sie zuckte mit den Schultern:

-       „Nein“.

Ich nickte verständnisvoll:

-       „Vor Jahren war ich oft in dieser Gegend, aber nie bin ich auf die Idee gekommen, das Lager zu besichtigen. Erst jetzt, mit dieser deutschen Gruppe. Gut, dass es solche Deutsche, wie die hier gibt. Leider kann man auch andere treffen“.

-       „Na ja, sie hatten einfach ihren Führer. Wir hätten jetzt auch jemanden gebraucht, der Ordnung reinbringen würde“. Frau Danuta schaute mich mit ihren dunklen Augen an und erwartete die Zustimmung.

 

Ich weiß nicht, was mich mehr überraschte: ihre sichtbare Zuversicht, dass ich ihre Meinung teile, oder ihre Meinung selbst. Solch einen Satz, nicht von irgendeinem Neo-Nazi, sondern von einer so genannten normalen Person auf Polnisch zu hören, nach dem Besuch in Groß Rosen, darauf war ich nicht vorbereitet. Es war wie ein Schlag in den Magen. Zuerst musste ich Atem holen.

 

Sie stand mit mir in einem Nebenraum. Über ihre Lippen huschte ein Lächeln und versankt in meinem Schweigen. Eine attraktive Frau, immer noch jung, mit guter Figur und schönen schwarzen Haaren. Eine Frau, die mehr erreicht hatte, als die erdrückende Mehrheit von ihren Leidensgenossinnen, und selbständig über ein kleines Hotel herrschte. Um ihre Existenz musste sie wahrscheinlich nicht bangen. Eine Frau, die zu beneiden war. Und soeben spuckte sie mir diesen unsäglichen Satz ins Gesicht. Das tat sie, ohne zu merken, was sie anrichtet. Es war für mich ein Hohn an den Opfern. „Wie können Sie bloß!“ Nein, das habe ich nicht hinausgeschrieen. Ich hätte dann weiter schreien müssen: Was ist mit den Ermordeten, mit den zu Tode gequälten? An die denken Sie überhaupt nicht?

 

Wollte sie vielleicht nur vom Thema ablenken? Keinen Menschen mehr interessiere hier der Krieg und es sei an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen. Irgendwann muss es doch vorangehen. Niemand kann mit dem Kopf, verdreht nach hinten, vorwärts laufen. Klingt das nicht logisch und vernünftig? Das ständige Aufkratzen der Wunden kann doch ganz andere als erwartete Effekte hervorrufen. Mir erging es doch nicht anders. Das ewige Gelaber in der Schule über Faschisten; die Berge von bis auf die Knochen abgemagerten Leichen auf den Bildschirmen: Das Thema „Krieg“ wälzte man bis zum Abwinken durch.

 

Es begann schon am ersten Schultag, am 1. September. Da mussten wir uns die Rede von einem Wichtigtuer im Radio anhören, und jedes Mal wurden wir daran erinnert, was am 1. September 1939 passiert war: Polen wurde überfallen. Der erste Schultag war ein Kriegstag. Somit wuchsen wir mit diesem Krieg auf.

 

Nach der Schule lieferte das Fernsehen den Kriegsstoff weiter, durchgekaut und verarbeitet zu bekömmlichen Happen, die vor den wahren Sachverhalten schreckten. Der Krieg in einer Kinderversion: vier Tanksoldaten und ein Hund. Am Sonntagmorgen bekamen wir es zum Frühstück: Abenteuer von Russland bis nach Berlin, eine Geschichte à la Western.

 

Unter der Woche gab es auch eine Kriegs-Soap für klein und groß. Unser Held wurde ein gewisser Kapitän Kloß in der Uniform der deutschen Abwehr. Natürlich war er kein Nazi, sondern ein getarnter Spion und ein polnischer Freiheitskämpfer, und eigentlich dank ihm haben wir den Krieg überhaupt gewonnen. Aus dieser Fernseh-Kultserie stammten unzählige Sprüche, in hohem Maße blöd. „Nicht mit mir, Brunner!“ protzte Kloß selbstbewusst zu seinem Dauer-Hauptfeind, einem richtigen Faschisten. Oder er flüsterte einem Freiheitskämpfer solch eine Spitzel-Erkennungsparole: „Die besten Kastanien gibt es auf dem Pigalle-Platz“… Wir alle babbelten begeistert nach. Ja, unser Superman war ein Kriegsheld. Und der Krieg selbst ist zu Comics verkommen. Die Spitze des Absurden wurde mit den signierten Fotos des geliebten Helden erreicht: Darauf trat der Schauspieler in deutscher Uniform auf. Ich besorgte mir dieses Bildnis auch und störte mich keineswegs an der Nazi-Kluft. 

 

Trotzdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass solch ein Satz, wie der eben von Frau Danuta, aus meinem Munde gefallen wäre, wenn ich hier weiter gelebt hätte. Ich hätte es mir verboten, so zu sprechen; ich hätte es mir verboten, so zu denken, grübelte ich jetzt enttäuscht. Es tat mir leid, was und wie sie es gesagt hatte. Es weckte Wut, wie leicht sie die Berge von Toten mit einem Wischer ausradierte. Als ob es diese nie gegeben hätte.

 

Sie meinte es bestimmt nicht ernst. Zu diesem Fazit gekommen, schreckte ich aber davor zurück, sie einfach danach zu fragen. Denkbar wäre es doch, dass sie sich nur mit den Opfern nicht identifizieren wollte. Wer sich mit den Opfern identifiziert, muss bereit sein, auch ihr Leid mit zu tragen. Wie viele von uns sind dazu willens? Und was ist mit diesen, die es tun? Zählen wir sie nicht zwangsläufig zu den Verlierern? Ist es nicht so, dass um ein Opfer zu verstehen, einer selbst ein Opfer sein muss?

 

Ich suchte nach einer plausiblen Erklärung und wollte nicht über Frau Danuta richten. Mit welchem Recht denn? Was wusste ich überhaupt über diese Frau? Ich hatte doch keine Ahnung, wie sie lebte, was sie hier durchgemacht hatte. In diesem Land, in dem man Täter von Opfern kaum unterscheiden kann. In dem sich die verwickelten Fäden nicht mehr aufbinden lassen.

 

Also krümmte ich meine Lippen zu einem Lächeln und lenkte das Gespräch auf das „Paradies“ und seine Gäste. Sie holte gleich ein Gästebuch mit hartem rotem Umschlag und legte es in meine Hände. Darin blätternd las ich Einträge von Besuchern aus fernen Ländern, sogar aus Kanada und Australien. In Gedanken war ich in Groß Rosen. Die Häftlinge gingen auf der Straße in einer endlosen Kolonne. Unter ihren Füßen knirschte der Sand. Sie schwiegen und trauten sich kaum, den Kopf zu heben; sie trauten sich nicht, ihren Henkern in die Augen zu schauen. Sie schwiegen und werden für immer schweigen. Nur wir können ihnen eine Stimme verleihen.

 

 

Am nächsten Morgen brachen wir zeitig nach Walbrzych (Waldenburg) zum vereinbarten Treffen im Museum Groß Rosen auf. Franz witzelte unterwegs:

 

-       „Das ich schön, dass ihr solche Rundfahrten ins Programm einbaut“.

 

Ich lachte laut auf. Unser Bus drehte sich im Kreise. Heinrich saß vorne neben dem Fahrer, die Karte in der Hand, und lotste. „Moment mal. Hier waren wir schon“, murmelte er und schnitt Grimassen. Ich kicherte gemeinsam mit den anderen im Bus. Franz nahm meine Hand, ich rückte näher. Wir sahen uns an. Und ich dachte, wie gut es wäre so weiter zu fahren und nie aussteigen zu müssen. Ich fühlte mich auf einmal mit ihm wieder vereint. Dieses Gefühl vermisste ich seit langer Zeit.

 

Heinrich wies die Richtung in einem für ihn ganz fremdem Land mit kühner Entschlossenheit. Manchmal rief er laut eine Frage, wie zum Beispiel „Was ist ‚dworzec’?“. Bahnhof. Und ab und zu übte er die Aussprache von „Walbrzych“. Jedes Mal erschien danach ein Lächeln im Gesicht von Frau Raissa.

 

- „Wie heißt die Stadt, Heinrich?“, lockte sie ihn           erheitert heraus.

 

Er wiederholte es gerne. Dabei formte er das Wort mit einem Anlauf; er sprang über „Walbrzych“, wie über ein Hindernis. Frau Raissa lachte vergnügt. Und wir lachten mit.

 

Verspätet parkten wir vor einem grauen Gebäude in einer tristen Straße. Die endete hier abrupt und führte nicht weiter, umgeben von schwarzen, nackten Bäumen und übersät mit kleinen und großen Kratern, die wir unterwegs zur Türe übersprangen. Innen begrüßte uns der Herr Direktor selbst und führte uns zu einem hellen mit warmem Holz verkleideten Saal. Der schlanke Mann sprach leise. Seine Augen glänzten wie vor Fieber oder Schmerz. Vielleicht leidet er an Magengeschwüren, dachte ich. Oder war das die Angst, die ihn über die Jahre plagte und sich in seinen Blick rein fraß? Er schaute nicht, er bohrte wie auf der Suche nach einem Hinterhalt, als ob er Attacken vereiteln müsste; er schaute mit angestrengter Aufmerksamkeit. Entweder war der Weg zu dieser Position zu steinig oder er ertrug zu viel als ein verfolgter Oppositioneller.

 

Die Biographien waren hier doch selten einfach wie eine gerade Linie. Wir stolperten über die schicksalhaften Daten der regelmäßigen antikommunistischen Aufstände und dazwischen versuchten wir uns einzunisten. Die, die den Mut zur eigenen Meinung hatten, bezahlten den höchsten Preis. Sie brachen die Regeln des Spiels, in dem wir alle nur „als ob“ leben durften. Wir lernten als ob. Weil die eigene Geschichte und eigene Literatur nur als verstümmelte Rümpfe erlaubt wurden. Wir arbeiteten als ob; um die von oben ausgemalten fantastischen Pläne zu erfüllen. Und wir übten schon früh die schizophrene Spaltung zwischen dem Gesagten und Gedachten; dem wirklich Existierenden und dem, was uns wie Gottesgebote von den kommunistischen Gurus zum Glauben angeordnet war. Wer sich angepasst hatte, konnte glücklich sein. Es wurde für ihn entschieden und gedacht.

 

Durch meine Familie wie durch das Land ging ein Bruch. Ich fand mich auf keiner von diesen Seiten wieder. Die einen versprachen ein Gottloses Paradies auf Erden und verwandelten das Land in ein einziges Gefängnis. Die anderen predigten die Nächstenliebe und wetzten Messer für die Abweichler von dem einzigen richtigen Glauben. Der Fanatismus und die Intoleranz schienen auf beiden Seiten gleich groß zu sein. Einerseits führten eifrige Priester schwarze Listen von Gottlosen Mitmenschen. Anderseits nahmen Kommunisten für sich in Anspruch, das göttliche Recht über Leben und Tod zu entscheiden. Ein aufrechter Mensch schmorte hierzulande in der Hölle der Redlichen. Dennoch kam mir über die Jahre nie der Gedanke über eine Flucht in den Sinn. Mit der bündigen Devise „Hier bin ich Zuhause“ erklärte ich gewöhnlich meine Haltung.

 

Ich habe über weite Reisen stets geträumt und in der Nacht geglaubt, den wehmutigen Ruf eines Zuges zu hören. Vor den anstehenden Besuchen in der mehr oder weniger fernen Familie zitterte ich tagelang aufgeregt. Der Tag der Reise war dann für mich jedes Mal ein Fest. Zurückgekehrt träumte ich sofort über die nächste. Ich wollte reisen, aber nie ausreisen. Hier war mein Platz. Außerdem waren um unser Reservat streng bewachte Grenzen gezogen. Ich verlor die Hoffnung, dass ich sie jemals betreten und die weite Welt sehen würde.

 

Als ich nach der Wende endlich meinen eigenen Pass in der Hand hielt, wollte ich nur weg und nahm das Reservat in mir mit.

 

 

Möglich wäre auch ein ganz anderer Grund für die offenkundigen Sorgen des Direktors. Ein banaler. Vielleicht handelte es sich einfach um Liebeskummer? Er konnte sich nicht entscheiden zwischen der Ehefrau und der Geliebten. Zu Hause eine graue Maus, nicht zwangsläufig eine Hausfrau, aber eine Frau, die Beruf mit Familie zu verbinden versucht, was bedeutet, dass sie ihre eigene Karriere von Beginn an aufgibt und sich für die Kinder, für den Mann opfert. Und an beiden Fronten sich ohne große Verluste durchkämpft, aber auch nicht mit einem Gewinn. Er hilft natürlich nicht mit; für die höheren Aufgaben prädestiniert. Und für das Liebchen irgendwo draußen. Weil ihm in seinem Zuhause die Luft zum Atmen fehlt. Er flüchtet also vor dem Überfluss der Sicherheit in die Arme der jungen Liebhaberin. Gut möglich, in die von seiner Untergebenen. Was soll in einem solchen Falle die Ehefrau tun? „Das Schicksal der Frau ist es, zu warten“, sang mal ein polnischer Liedermacher. Die Frau sollte demnach warten und hoffen, dass ihr Gatte eines Tages zu Sinnen kommt.

 

Dessen ungeachtet käme auch eine umgekehrte Version in Frage: Die gelangweilte Ehefrau schläft mit Freund und Feind, nur um dem Alltag zu entkommen und prostituierte sich freiwillig.

 

Das Leben war hier teuer, die Frauen aber billig und willig. Sie ergaben sich leicht. „Gib, was dir nicht fehlen wird“, sang ein berühmter Sänger von der Art der Schwiegermutter-Liebling mit dem Toupet. Es fehlte davon wahrlich nicht. An jedem Ort und auf der Stelle war Sex allgegenwärtig. Man hätte mit etwas Ideologie dieses Phänomen zupudern können und sagen, dass das eine Reaktion auf die doppelte katholisch-kommunistische Unterdrückung war. Wenn diese Handlungen aus Überzeugung als bewusst gewählter Lebensstil zu bewerten wären. Das war aber nicht der Fall. Sex passierte zufällig und nebenbei; sozusagen auf dem Wege irgendwohin, als eine Art Abstecher, Unterbrechung ohne Bedeutung. In seiner Oberflächlichkeit sollte er weder einem wehtun noch ernst genommen werden. Mann und Frau tat es einfach und sprach nicht darüber. Sex war zwar ein Hauptthema in den ekeligen Schweinewitzen, aber nie ein Grund für eine ernste Unterhaltung. Als ob eine Trennungslinie querdurch uns in zwei unabhängige Teile schnitt. Das Hirn auf der einen Seite, die Genitalien auf der anderen. Dieser unreflektierte Sex mutete fast kindlich unbekümmert und sogleich vernichtend für jede Art von Gefühlen. Es war eine Volkssitte und ein Sippenzwang. Die, die in diesem Karussell nicht mitmachen wollten, betrachtete man mitleidig als Don-Quichote-ähnliche Figuren.

 

Es war ein kalter, gefühlloser Sex; aus dem Fließband sozusagen. Diese technische Bezeichnung gibt gut den Geist von einst wieder. Zu meiner Studienzeiten wurde z. B. das größte Studentenheim Sägewerk genannt. Eben ein Begriff, der das Mechanische in dem kommunistischen Sex aufgriff.   

 

Die Menschen gingen überhaupt mit der eigenen Person lässig um. Als ob der liebe Gott noch zwei, drei Leben für jeden von uns parat hätte. Eingekesselt in unserem Reservat, deren Grenzen wir nicht überwinden konnten, durchbrachen wir eine nach der anderen innere Schranke. Wir lechzten nach der Freiheit, indem wir uns selbst aus freien Stücken zerstörten. 

 

Gewiss auch damals mussten hier die stinknormalen Bodenständigen gelebt haben. Aber nicht sie gaben den Ton an. Es spielte eine ganz andere Musik.

 

Ich konnte mir alles vorstellen, nur nicht eine normale Familie. Solche wurden mir nicht bekannt. Was war denn hier schon normal? Wenn die Welt um uns verrückt spielt, ist es normal mitzuspielen oder sich dagegen aufzulehnen? Liefen auf den Straßen lauter Verrückte herum, während in den Klapsmühlen die eigentlich Normalen eingesperrt hockten? Wie denn auch sei, die Verantwortung für den Erhalt einer Familie trug in Polen die Frau. Familie war einfach eine Frauensache.   

 

Die Frau in Polen. Unsere Hände wurden geküsst. Mit feuchtem Schmatzer oder mit federleichter Berührung und jedes Mal mit einer Verbeugung. Hinter diesen Gesten konnten sich Achtung, Begierde oder Anbetung verbergen. Eine Frau in Polen war und ist ein Objekt der Begierde, ein Objekt der Anbetung … Aber eben nur ein Objekt. Das galt gleichermaßen für Kommunisten wie für die Kirche.

 

Die Existenz von diesen zwei großen Gegnern war in dieser Form nur in Polen möglich, sonst in keinem anderen kommunistischen Land. Es wäre hier, in dem zu 99 % katholischen Land, undenkbar, Kirchen abzureißen oder zu Speichern und anderen nützlichen Zwecken umzuwandeln. Im Gegenteil: Es wurden neue Kirchen gebaut. Zwar mit hinderlichen Auflagen, die als Schikane gedacht waren und auch so ankamen. Aber immerhin wuchsen neue Gebäude mit dem Kreuz an der Spitze. Das gehörte auch zu der schizophrenen Spaltung des Landes.    

 

In Punkto Frau unterschieden sich die Gottlosen und die Gottliebenden großen Gegner kaum. Kommunisten luden der Frau zusätzlich die berufliche Arbeit auf den Buckel, entzogen ihr jedoch Karriere-Chancen. Karriere wurde fast ausschließlich für die männlichen Genossen reserviert. Die Frau hatte zu spuren. Genau wie das auch die allmächtige katholische Kirche verlangte. Mit unserer besonderen polnischen Patrona, der heiligen Maria. Diese Patrona, die auch über Frauen thronte und zum unerreichbaren Vorbild für sie wurde. Für die Frauen, die man auf die Altäre erhoben hatte, nur um sie danach umso tiefer zu stürzen. Sie sollten heilig bleiben und Kinder gebären. Sie wurden zum Patriotismus verpflichtet und zu Arbeitstieren degradiert. Sie durften weder Gefühle zeigen, noch versuchen, sie auszuleben.

 

Aber die heilig strahlende Patrona war doch selbst ein armes Geschöpf. Eigentlich nur die Hälfte von ihr durfte man wahrnehmen. Die obere Hälfte natürlich. Wie bei einem Fabelwesen. Man untersagte der jungen Maria, den Unterleib zu nutzen. In diesem Sinne thronte sie auf dem richtigen Platz. Eben in Polen, wo das Verhältnis zur Frau von einer Mischung aus Hass und Anbetung geprägt wurde. Und wo man die Frau richtig gefeiert hatte. Zum 8. März – dem internationalen Frauentag – wurde die Frau in der Arbeit mit Blumen und Strumpfhosen oder ähnlichem Gut beschenkt. Danach schleppten die Gefeierten ihre schweren Einkaufstaschen selbst nach Hause und warteten auf ihre Ehegatten, die das Fest richtig zelebrierten. An keinem anderen Tag sah man auf der Straße so viele besoffene Männer.

 

 

Der Direktor, Wojciech Dlugi, setzte sich an den Tisch auf dem Podium, seine jungen Mitarbeiterinnen zu seinen Seiten, und presste die Wörter durch die Lippen, diesmal zur offiziellen Begrüßung, als ob die erste nicht gezählt hätte. Unsere bunte Gruppe lehnte sich in lässigen Posen in Stühlen. Ich stellte mich einen Sprung vom Tisch entfernt und übersetzte die langen Sätze des Direktors. Es lag wirklich nicht an der Sprache. Ich stotterte genauso auf Polnisch, wie auf Deutsch. Als ob ich in den beiden Sprachen fremd wäre und nirgendwo zu Hause. Weder hier noch dort.

 

Ich sprach und schaute über die Köpfe. So schwebte ich vor mich hin, von einem Wunsch beflügelt: das ganze möglichst schnell hinter mich zu bringen. Dann rutschte mein Blick auf Franz. Er starrte mich kalt an, wie einen Feind auf der anderen Seite des Grabens. Ich suchte in seinen Augen vergeblich nach der Wärme, die ich noch im Bus verspürte. Liebte er mich überhaupt, wie er es oft wiederholte? Reicht als Beweis dafür seine bloße Anwesenheit? Er blieb da. Wie ich auch. Er lief nicht weg. Wie ich auch. Was empfand er aber für mich? In beiden Sprachen gingen uns die Liebesschwüre über die Lippen. Mit beiden Sprachen versuchten wir die flüchtigen Empfindungen zu versiegeln. Franz lernte auf Polnisch lediglich die Liebesworte. Und die Flüche.

 

Der Direktor trug seine Rede gekünstelt vor, mit steifer Körperhaltung, als ob er sich in einem riesigen Saal aufgehalten hätte und nicht im gemütlichen Raum vor einer kleinen Gruppe bunt und sportlich bekleideter Besucher. Ich trat von einem Fuß auf den anderen zwischen dem Podium und der Türe und starrte auf seine Lippen. Dann gab ich mein Bestes auf Deutsch wieder. „Du hast zu leise gesprochen und uns dabei nicht angeschaut“, kanzelte mich später Franz ab. Ich schluckte es, wie eine bittere Pille und schwieg. Warum glaubte er, mich stets kritisieren zu müssen? Warum nimmt er mich nicht so, wie ich bin?

 

Das Treffen hatte etwas vom alten kommunistischen Flair. Genauer gesagt, der kommunistische Schatten legte sich auf die Sprache. Oder noch anders ausgedrückt: die Sprache hat sich noch nicht von dem jahrzehntelangen Missbrauch erholt. Sie war immer noch bombastisch. Und hinter den großen Floskeln verbarg sich nur wenig Inhalt. Die Begegnung lief sonst im Gegensatz zu früheren Zeiten schlicht ab. Nur Kaffee und Knabberzeug. Das geringe Geld ließ keine Ausschweifungen zu.

 

Wojciech Dlugi hatte den Posten erst in diesem Jahr übernommen. Das Archiv selbst war 1983 gegründet worden. Über die neueste Geschichte weiß man immer noch zu wenig. Die SS-Männer haben die meisten Dokumente vernichtet. Was sie nicht zu zerstören schafften, hatten die Sowjets verschleppt. Und selbst ist man natürlich auch schuld gewesen. Man hatte es versäumt, das Wenige, was noch geblieben war, zu dokumentieren.

 

Unsere Gruppe interessierte sich für Dokumente über das Groß-Rosen-Unterlager in Landeshut (Kamienna Gora). Nach Landeshut war eine Firma aus Schweinfurt umgezogen und produzierte hier für den Krieg in mehreren Werken. Gearbeitet haben dort, außer wenigen Deutschen in Führungspositionen, Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.

 

Heinrich erhoffte sich auch die Unterstützung des Museums bei der Einsicht in die Dokumente, die sich in deutschem Besitz befanden. Im Jahre 1958 ermittelte die Staatsanwaltschaft in Würzburg über die Morde im Lager in Landeshut. Die Ermittlungen wurden 1974 eingestellt. An die Akten kann man heute nur mit einer speziellen Genehmigung des Bayerischen Justizministeriums gelangen. Vielleicht fällt es dem polnischen Museum leichter, wie komisch das auch klingen mag, eine solche Genehmigung zu erhalten.

 

Wir versprachen uns gegenseitig eine Zusammenarbeit und setzten diese sofort in die Tat um. Nach Landeshut (Kamienna Gora) begleitete uns eine junge Mitarbeiterin. Sie verstand kaum Deutsch, aber sie trug einen deutschen Namen: Barbara Ross. Ihr Kollege aus dem Städtischen Museum Kamienna Gora, den wir auch im Bus mitnahmen, nannte sich ebenso deutsch: Sternheim. Den deutschen Namen schmückte er mit einem uralten polnischen Vornamen: Jaroslaw. Ich fragte nach deutschen Vorfahren. „Ja, ja. Das waren Preußen“, gab er bereitwillig zu. Er selbst sah eher wie ein Nachfolger der Hippies aus, mit seinen hellroten langen Haaren, zum Pferdeschwanz gebunden. Er führte uns zum gut erhaltenen Lager. Es war deshalb in so gutem Zustand, weil in den Baracken verschiedene Firmen Unterkunft fanden und den Verfall nicht zugelassen hatten.

 

-       „Der Wächterturm fehlt - verkündete plötzlich Jaroslaw aufgeregt – der war noch da vor ein paar Tagen! Ich habe ihn doch selbst gesehen. Das fass ich nicht!“

 

Er schüttelte den Kopf und murmelte rot angelaufen „Das gibt’s gar nicht“. Der Turm stand jemandem im Wege, da hat ihn derjenige kurzerhand abgerissen. Den Turm, wo die Wächter mit Maschinengewehren patrouillierten, aus dem die Reflektoren das Gebiet durchforschten und Megaphone das Gebrüll erbeben ließen. Der Turm herrschte damals über das Eingangstor, die Baracken, über die Häftlinge, über Leben und Tod.

 

Am Wächterturm vorbei durch das Tor brachen die Häftlinge zur Arbeit auf und durchschritten es auf dem Rückweg wieder. Vor Sonnenaufgang standen sie auf, schütteten irgendwelche wässrige Flüssigkeit in sich hinein und stellten sich im Hof zum Appell: gestoßen, geschubst, geschlagen. Dann marschierte die Kolonne in die Fabrik mit alten Maschinen, die oft versagten. Dafür mussten die Häftlinge herhalten. Mit bloßer Hand, Stöcken, Metallringen blutig geschlagen, wenn sie den Aufforderungen nicht nachkamen, arbeiteten sie in Zwölf-Stunden-Schichten. Aber das Ende der Schicht bedeutete nicht das Ende des Arbeitstages. Sie mussten weiter schuften: aufladen und ausladen, aufräumen, Schutzgräben ausheben… Danach durften sie zurück „nach Hause“. Die Baracken versanken im Matsch und Dreck. Von außen und innen. Eng aneinander gepfercht (am Ende schlief man zu dritt, sogar zu viert auf einer Pritsche) geplagt von Hunger und Krankheiten, von Läusen und Flöhen, wurden sie sich selbst zu Feinden. Besonders als willige und grausame Mithelfer der Nazis. Das Bestrafen der ganzen Gruppe für Vergehen von Einzelnen verwandelte sie in Denunzianten und Spitzel. Auf diese Weise wollten sie dem Tode entgehen. Es half wenig. Der Tod nahm sie in Scharen mit. Hatte sich eine größere Anzahl von Leichen angesammelt, rief man in Groß Rosen nach dem Auto an. Ausgetrocknete Leichname fuhr man dann ins Krematorium.

 

Eines Tages, im Februar 1945, als sich die Ostfront immer mehr näherte, wurde die Evakuierung des Landeshuter Lagers nach Westen beschlossen. Nur Kranke und Alte waren zurück geblieben. Die Kolonne der Häftlinge bewegte sich in Richtung Hirschberg auf einer asphaltierten Straße, von SS-Männern begleitet. Nach wenigen Kilometern stellte sich aber heraus, dass es keinen Ausweg aus dem Kessel gab. Die Sowjets hatten das Gebiet umzingelt. Die Kolonne musste umkehren.

 

Nach dem Abzug der Wächter und der Truppe waren inzwischen die Zurückgelassenen in die Küche und die Vorratskammer eingebrochen und hatten die Reste geplündert. Was für ein Gefühl hatte sie übermannt? Auf einmal standen sie da, ohne Peiniger, endlich frei. Warum flüchteten sie nicht sofort? Warum blieben sie an dem Ort des Schreckens? Fürchteten sie sich vor der Freiheit? Waren sie zu krank und zu alt? Oder reichte ihnen nur die Kraft für Hass? Sie zerstörten alles, was noch der Evakuierung entgangen war.

 

In das verwüstete Lager kehrte jetzt die Kolonne zurück.

 

Die Schuldigen der Zerstörung wurden auf dem Hof gesammelt. Mit Stöcken und Stangen bewaffnete Wächter kreisten die Häftlinge ein und begannen ein Massaker. Auf der Stelle starben zwanzig Menschen, ein Dutzend kurz danach. Viele erlitten schwere Verletzungen. Das war nur der Auftakt; am nächsten Tag ging’s wieder los. Die, die am Leben geblieben waren, führte man ohne Essen in die Fabrik. Dort warteten SS-Männer mit Ketten und prügelten auf die Köpfe der Opfer. Es folgten lange Tage mit Schlägen und Arbeit, ohne Essen. Auf die Rücken und die Hosenbeine wurden den „Schuldigen“ rote Kreise gemalt, damit sie auf den ersten Blick zu erkennen waren. Die SS-Männer hielten nach den roten Kreisen Ausschau und schlugen auf die so gekennzeichneten Häftlinge mit den Gewehrkolben ein. Die geschwächten Opfer schieden rasch aus dem Leben. Nachdem sie am Ende des Krieges die Freiheit schon geschmeckt hatten.

 

 

Die alten aufgereihten Baracken, wo die Häftlinge einst hausten, vereinnahmten jetzt Geschäftsleute. Die Geschichte, in deren Mauern sie sitzen, betrachten sie ganz pragmatisch: Was im Wege steht, wird abgerissen.

 

Wir fuhren weiter nach Antonowka, einer Ortschaft bei Kamienna Gora. Dort stationierten Kriegsgefangene, unter anderem Franzosen und – am Ende des Krieges - Italiener. Der Bus klapperte über einen steilen Feldweg, übersät mit Mulden und Hügeln, bis er stecken blieb.

 

Oben auf der Anhöhe im Wäldchen häuften sich Kreuze, aus einfachen Holzstücken errichtet. Die Menschen stellten immer noch neue dazu. Es solle sich hier ein Massengrab aus dem Kriege befinden. Jaroslaw Sternheim erwähnte auch eine andere Hypothese. Die besagte, dass hier die Ermordeten durch die SB (polnische Stasi) ruhen. „Eher unwahrscheinlich“, kommentierte er sogleich diese Meinung. Was an diesen Vermutungen dran ist, weiß man dennoch nicht genau. Keine Exhumierung fand hier statt und niemand filterte die verborgenen Geheimnisse heraus. Diejenigen, die die Kreuze in die Erde stecken, fragen nicht nach Beweisen und Forschungsergebnissen. Sie gedenken der Opfer. Die gab es in diesem Lande jeder Zeit im Überfluss.

 

Winzige Schrebergärten mit mickrigen Buden breiteten sich am Fuße des Hügels aus und wirkten friedlich ruhig. Standen hier im Krieg die Baracken für die Gefangenen? Oder unten im Walde, an dem wir vorbeifuhren? Die Zeit und die Menschen haben die Spuren verwischt. Wo haben die Gefangenen gearbeitet? Einige in Kamienna Gora (Landeshut) in der Fabrik, das weiß man genau. Andere vielleicht in geheimen unterirdischen Stollen. Die Nazis bohrten wie Maulwürfe unter der Stadt und schlugen Stollen in den Fels der Berge ein. So entstand ein ganzes Netz von Korridoren und Sälen. Die geheime Untertage-Stadt wartet noch auf ihre Entdecker.

 

Als Heinrich fragte, warum man keine Gedenktafeln anbringt, die an die Kriegsopfer erinnern, antwortete Jaroslaw prompt, dass man eigentlich jedes Haus mit solchen Tafeln versehen müsste. Das Ausmaß und die Art der Verbrechen lähmten und riefen Abwehrreaktionen hervor. Vielleicht deswegen versuchen erst die Nachkommen, mit dieser Vergangenheit sich auseinander zu setzen. Erst sie können die Stimmen der Opfer ertragen und erhören.

 

 

 

 

*

 

 

 

Beim Frühstück setzte sich Frau Raissa zu Franz und mir. Sie fragte zwar „Darf ich?“, aber im gleichen Moment zog sie schon den Stuhl und wartete unsere Antwort nicht ab. Eifrig und im Chor riefen wir „Aber natürlich“. Sie lächelte gleich kess und begann zu sprechen.

 

Wir saßen getrennt von der Gruppe, weil genau zwei Plätze an dem gemeinsamen Tisch fehlten. Und ich dachte, dass wir niemandem den Sitz an der gemeinschaftlichen Tafel strittig machen dürften. Die anderen hatten doch bezahlt. Ich schaute rüber und fragte mich, ob sie das mit dem Geld wussten und ob sie darüber nachdenken. Nie habe ich Heinrich danach gefragt und er erwähnte das Thema nicht mehr. Das passte zu ihm; entschieden, erledigt und Schluss.

 

Frau Raissa ließ sich von Franz den Kaffee einschenken und bedankte sich dafür charmant. Ich war etwas verlegen, wie immer, wenn ich mit Menschen zu tun hatte, die ich nicht näher kannte. Aber auch Franz wandte sich auf dem Stuhl wie ein Junge vor der Lehrerin. Sie erinnere ihn an seine Mutter, sagte er gerührt und wirkte dabei fast schüchtern.

 

Das mit der Mutter schluckte Frau Raissa glatt und stellte keine Fragen. Ich dachte, dass sie diese „mütterliche“ Achtung wie ein Stein im Schuh zwickte. Sie sprang gleich drüber und erzählte mit heiterer Leichtigkeit aus ihrem eigenen Leben. Nach dem Krieg ist sie nach Deutschland auf Wegen geraten, die sie nicht ausführlich beleuchten wollte. Ihr Mann war ein Deutscher, wie Franz. Mit dem war sie fünfzehn Jahre zusammen. Dann verstarb er und sie blieb allein. Franz wollte wissen, ob sie einen Freund hätte. Sie schüttelte den Kopf.

 

-       „Die Liebe reicht über das Grab hinaus“, deklamierte Franz daraufhin pathetisch.

-       „Nicht einen, Hunderte“, unterbrach ihn Frau Raissa.

 

Franz ähnelte in diesem Moment einem geschlagenen Hund. Na so was, kein Verlass mehr auf alte Damen. Ich lachte laut auf. So laut, dass die Scheiben klirrten. Alle Köpfe drehten sich, wie auf Kommando, uns zu. Mein Lachen fiel aus den Rahmen und zerriss die lauwarme Frühstückskulisse. Ich brach im Lachen aus, wie man aus dem Gefängnis ausbricht.

 

-       „Ich konnte keinen Freund auf Dauer behalten, weil ich immer alles bestimmen musste“, ergänzte Frau Raissa ihr Geständnis und grinste schelmisch.

 

Mit einem Russen zum Beispiel bereitete sie eine Reise nach London vor. Er hatte die Route geplant. Aber sie trug nach und nach Korrekturen ein. „Weiß du was – ihm riss schließlich die Geduld – ich reise allein nach London und du auch allein“.

 

-       „Sind Sie allein nach London gereist?“, Franz wollte es genau wissen.

 

Sie lächelte:

 

-       „Der Russe ist nach London geflogen, ich fuhr damals nach Polen.“

 

So gern sie auch lachte, musste sie gewiss viel geweint haben. Für keine Frau war es eine leichte Aufgabe, sich allein mit den Kindern durch den Alltag zu kämpfen. Noch schwieriger fiel dies in einer unfreundlichen Umgebung als Fremde. Frau Raissa blieb für ihre Mitbürger nach den vielen Jahren eine Polin; gelitten, gearbeitet, gelebt zwischen den Menschen, die ihren Nächsten nur über dessen Herkunft definieren. Als ob die Fremdheit eine unheilbare Krankheit wäre, vor der man sich schützen müsste.

 

Nach dem Frühstück kundschafteten wir zu Fuß die Umgebung aus. In der nächsten Ortschaft blieben wir vor einem Gebäude stehen. Aus Backsteinen erbaut, mit grünen Streifen um Fenster und Türbogen, imposant, obwohl zum größten Teil Ruine. Später erfuhren wir, dass dieses Haus ein Italiener gekauft und sich mutig der polnischen Wirklichkeit gestellt hatte. Er hat verloren. Nicht am Geld lag es, davon hatte er genug. Vermutlich machte ihm diese Realität zu schaffen, deren Regeln so schwer zu begreifen sind. Er flüchtete in seine Heimat zurück. Ein Pole solle es jetzt richten.

 

Unsere Gruppe teilte sich. Einige wollten wandern; es gab viele Routen durch Wälder und Berge. Dorothea trat auf der Stelle, wie ein gereiztes Zugpferd. Sie roch schon den Weg. Heinrich, Felix und Dieter stießen hinzu. Dorothea drängte hitzig, los zu legen. Sie wollte nicht abwarten, dass die Route besprochen wird. Heinrich zog eine Karte heraus, beugte sich darüber. Sie witterte schon den Wind und wollte laufen, als ob sie vor irgendetwas flüchtete.

 

Franz und ich fuhren mit den anderen zum Schloss Ksiaz (Fürstenstein). Das Schloss wurde im Mittelalter von den Piasten, einem polnischen Geschlecht, auf einem Felssockel erbaut und war nur von einer Seite aus zugänglich; umgeben von Schluchten trotzte es der wilden und wuchtigen Natur. Als die Piasten ausstarben, ging Ksiaz an die Tschechen über und verkam. Sie verkauften es schließlich an die deutsche Familie Hochberg. In deren Besitz blieb die Burg vierhundert Jahre lang bis zum Zweiten Weltkrieg. Kurz davor blühten die alten Gemäuer nochmals auf. Unter der letzten Herrin, Fürstin Daisy, wurde das Schloss zu einem Kleinod. Hier trafen sich Adelige aus ganz Europa. Sie selbst zog Blaublüter wie ein Magnet an. Mit ihrer Schönheit, ihrem Charme, ihrer Intelligenz und ihrem vielseitigen Engagement.

 

Alles das endete, als Faschisten zur Macht gelangten. Die unbeugsame Familie verlor ihr Eigentum an die Nazis.

 

Fürstin Daisy war keine Deutsche. Sie kam auf die Welt in England, wo sie auch aufwuchs. Mit dem Deutschen Hans Heinrich XV. verheiratet, gebar sie ihm drei Söhne. Einer ließ sich von den Faschisten blenden. Die zwei anderen kämpften gegen die Nazis: einer in der englischen Armee, der zweite unter dem polnischen General Anders. In ihren Adern floss das deutsche und englische Blut und sie atmeten die polnische Geschichte, die sich hier mit der deutschen und tschechischen, wie eh und je, vermischt hatte.

 

 

Im Fürstenstein quartierte sich eine Sonderbrigade der Organisation Todt ein. Diese straffe auf militärische Art hierarchische Bauorganisation nutzte KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter für ihre Aufgaben. Nazis zerstörten in kurzer Zeit Tradition und Vielfalt, seit Jahrhunderten in diesen Gemäuern eingeschlossen. Sie behandelten das Schloss barbarisch: bauten Räume um und legten unterirdische Stollen an. Die Arbeiten leitete Hitlers Architekt Speer, auf Befehl seines Herrn. Es sollte hier ein Gästehaus der Reichsregierung entstehen. Hitler selbst übernachtete im Fürstenstein angeblich dreimal inkognito.

 

Zum Ende des Krieges als die Russen immer lauter schossen, fuhren die Nazis die ganze Ausstattung weg. Möbel, Gemälde, Kronleuchter, Vasen, Lampen, Geschirr… einfach alles. In dem größten Schloss Schlesiens und dem drittgrößten in Polen, im Schloss mit vierhundert Zimmern blieb kein einziger Gegenstand zurück. Nach den Nazis stationierten hier Sowjets und vollendeten die Zerstörung der leeren Räume. Als die wiederum ausgezogen waren, kümmerte sich niemand um den Prachtbau. Er erlag dem langsamen Verfall.

 

In diesem Zustand erblickte ich das Schloss zum ersten Mal. Da war ich noch ein Kind. Wir unternahmen einen Familienausflug in die grüne bergige Landschaft. Ich schleppte mich widerwillig hinter meinen Eltern her und gelangweilt zog ich durch die gespenstischen leeren Räume zwischen den bröckelnden Mauern und ab und zu warf ich einen freien Blick auf zum Himmel, weil die Decken fehlten. Die Renovierung begann man erst nach Jahrzehnten und führte sie schleppend aus.

 

Am Tag unseres Besuchs fehlte der deutschsprachige Guide. Also sprang ich als Dolmetscherin ein. Wir folgten einer unscheinbaren Touristenführerin in langsamem Schlepptau durch wenige zugängliche Räume. In dieser deutsch-tschechisch-polnischen Burg, hoch auf dem Felsen wie ein Adlernest aufgesetzt, sprach ich endlich vor unserer Gruppe laut und deutlich. Auf Deutsch. Mit meinem polnischen Akzent, der russisch klingt.

 

 

 

*

 

 

 

 

Wir brachen zurück nach Schweinfurt früh auf. Die löchrige Straße schlängelte sich durch kleine Dörfer und Städtchen, malerisch, romantisch hätte man sagen können, wenn da nicht der allgegenwärtige Verfall gewesen wäre. Wir ließen hinter uns viele heruntergekommene Häuser, die jeden Moment mit dem Zusammenbruch drohten. Heinz, der die ganze Zeit über nicht aufgehört hatte zu lächeln, insistierte mit naiver Verwunderung:

 

-       „Warum tut man nichts dagegen, warum lässt man alles verrotten?“.

 

Er fragte, als ob ich dafür die Verantwortung zu tragen hätte. Und ich fühlte mich verantwortlich, als wenn von mir wirklich etwas abhängig gewesen wäre. Was sollte ich ihm antworten? Dass der Krieg und die Okkupation das Land zerstört und Menschen vernichtet hatten und Schatten über die Jahrzehnte warfen? Oder dass die Kommunisten, der Inbegriff der Destruktion und Verschwendung von Menschen und Material, Schuld daran trugen?

 

Oder dass die Gründe noch tiefer liegen? In der Teilung Polens vor Jahrhunderten? Über solche Behauptungen, die so weit in der Geschichte eine Entschuldigung suchten, ärgerte ich mich schwarz, früher, noch in der Schule. „Man kann doch nicht verpfuschte Schuhe durch die polnische tragische Geschichte im 18. Jahrhundert entschuldigen“, führte ich gewöhnlich daraufhin aus.

 

Polen verschwand von den Landkarten, na und? Jetzt ist es wieder da. Und nur das hat für mich gezählt. Damals hatte ich kein Verständnis für die Kontinuität. Weil man hier in dem Lande, über Jahrhunderte stets umgepflügt, wo Familien auseinander gerissen und weit weg getrieben wurden, in so einem Lande von Kontinuität, von Tradition, nicht viel gehalten hatte. Ich wollte über die lange Leidensgeschichte nichts mehr hören. Ganze Generationen wurden geboren, um das Opfer-Dasein zu fristen. Und so eine Last sollten wir, Nachkommen, wie eine Eisenkugel hinter uns herschleppen? Satt von Tränen, satt vom Leid rennt man irgendwann vor sich hin, läuft weit weg.

 

Ich schaute Heinz an. Er hatte Recht und Unrecht. Die Vergangenheit war nicht mehr zu ändern. Die Zukunft aber kann man formen. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union wird einen Wandel auslösen. Es kommen neue Zeiten für meine Heimat.

 

Für mich aber stand keine neue Entscheidung zur Debatte. Die fiel vor Jahren, als ich von hier weggeflüchtet war. Befand ich mich immer noch auf der Flucht oder bewegte ich mich nur auf meinem verwickelten Weg fort? Wir fuhren zurück nach Hause, nach Deutschland. Würde es mir dort gelingen, mich selbst zu finden?    

 

 

Wir hielten an einem Supermarkt in Kamienna Gora (Landeshut) an. Die Stadt litt unter der extrem hohen Arbeitslosigkeit und bedrückte mit der Hässlichkeit des Niedergangs. Aber der Laden selbst platzte vor Waren unterschiedlichen Sortiments. Dieter wühlte begeistert in den Regalen mit Spielzeug. Christel wollte ein paar Ansichtskarten kaufen. Ich blieb an einem Fass mit Sauerkraut stehen. Wie lange habe ich das polnische Kraut, das ich noch bei meiner Oma als Kind mit den Füßen einstampfte, nicht gegessen? Ich dachte nicht viel nach und ließ mir zwei große Tüten einpacken. Dieter, mit Spielzeug beladen, beobachtete meine Taschen geflissentlich und murmelte auffallend vorsichtig: „Ich habe darüber auch kurz gegrübelt, aber ich traute mich nicht“.

 

Nach wenigen Minuten verstand ich seine Bedenken. Der Geruch des polnischen Krautes entfaltete sich im kleinen warmen Bus mit voller Energie. Es half nicht, es mehrmals einzuwickeln, mit den eifrig von allen Seiten zugereichten Tüten. Dorothea rieb kräftig die Nase und konnte uns ihre Meinung nicht vorenthalten: Es stinkt ungehörig! Daraufhin zog ich den Griff vom Fenster nach unten. Das Lüften brachte jedoch nicht viel. Es stank und die Luft wurde von diesem Gestank dick. In den Pausen auf der Fahrt sprangen alle fieberhaft aus dem Bus hinaus. Ich überlegte mir kurz, das Kraut einfach wegzuwerfen und hob die Tüten hoch. Sogleich legte ich sie aber behutsam unter unsere Sitze zurück. Ich brachte es nicht übers Herz.

 

 

 

ENDE